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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Bote im staatlichen Todesprogramm

Ein ungewöhnliches Japanbild: Der Manga „Ikigami" von Motore Mase zeigt einen zynischen Zukunftsentwurf, in dem junge Leute durch ein Impflotteriespiel zum Sterben verurteilt werden. Von ihrem Schicksal erfahren sie 24 Stunden vor der Todesstunde - von dem Boten Fujimoto.

Er sieht gut, ist tadellos frisiert, und das Glück ist ihm hold: Fujimoto hat einen sicheren Job in schwierigen Zeiten. Er ist Todesbote in einem Japan der nahen Zukunft, und er trägt im Rahmen eines Programms, das den euphemistischen Titel „Impfung zum Wohle der Nation trägt, höchst offizielle Todesbotschaften aus: die Ikigami, die der Serie den Namen geben.

Motoro Mases Manga, dessen erster Band nun auf Deutsch erschienen ist (zehn sollen es insgesamt werden), erzählt von einer Gesellschaft, die jedem tausendsten Kind im Laufe einer obligatorischen Schulimpfung eine tödliche Giftkapsel injiziert, die das Opfer kurz nach Erreichen des Erwachsenenalters tötet. Wen es trifft, bleibt bis 24 Stunden vor dem Todeszeitpunkt unbekannt. Dann erst erreicht das Opfer die offizielle Nachricht von seinem baldigen Ende.

Der Sinn dieser seltsamen Maßnahme ist wohl nur im japanischen Kulturkreis verständlich: Weil niemand weiß, ob er nicht jung sterben wird, sollen alle Jugendlichen ihr Leben bewusster und vor allem staatsdienlicher führen. Das ist eine reichlich seltsame Hypothese, aber in japanischen Filmen oder Manga hat es schon obskurere Ideen gegeben. Dass hier aber doch keine spezifisch opferwillige Nationalmentalität beschworen wird, zeigt die Reaktion der jeweiligen Adressaten auf die Todesnachricht: nackte Verzweiflung. Die spannende Frage, die das ganze erzählerische Konstrukt motiviert, lautet: Wie benimmt man sich, wenn man rettungslos verloren ist und nur noch 24 Stunden Zeit hat?

Motoro Mase hat mit seiner im Original bereits 2005 begonnenen Serie die Gelegenheit genutzt, jeweils etwa hundert Seiten umfassende Einzelschicksale zu erzählen. Durch das Alter der Todgeweihten ist für ein Höchstmaß an Identifikation seitens der meist jugendlichen Leser gesorgt, und natürlich stehen im Mittelpunkt der Episoden populäre Fragen wie Liebe, Ruhm, Freundschaft, Demütigung und Familie. Der eigentliche Held Fujimoto – als Todesbote bleibt er erhalten, während alle von ihm Besuchten ja zuverlässig das Zeitliche segnen –  spielt zunächst gar keine große Rolle, wobei sein Grundzweifel an der moralischen Dimension der „Impfung zum Wohle der Nation” von Beginn an thematisiert wird.

Graphisch ist „Ikigami” solider Durchschnitt; als günstig produzierte Serie hat es nicht einmal für die sonst üblichen Farbseiten zum Auftakt gereicht. Immerhin erweist sich Mase beim Zeichnen von Profilansichten seiner Protagonisten als geschickter Illustrator, und die emotionalen Ausnahmezustände der Beteiligten führen zu Exzessen, die auch ihre künstlerische Entsprechung findet. In den entsprechenden Sequenzen hat „Ikigami” dann doch einen ganz eigenen Look.

Allerdings ist es schon sehr absehbar, was Mase da erzählt. Man kann jetzt schon die Dilemmata ahnen, die Fujimoto in späteren Bänden bevorstehen. Noch wird auch zu wenig aus der Tatsache gemacht, dass es eine ganze Truppe von Todesboten gibt, die rastlos im höheren Dienst staatlicher Grausamkeit unterwegs sind – auch das wird sich wohl bald ändern, wenn der Zentralfigur erst ihre Zweifel kommen. Da er selbst nicht gerade alt ist, darf man wohl damit rechnen, dass eines schlimme Tabes ein Kollege mit dem eigenen Ikigami vor der Tür steht.

Aber das sind Vermutungen, und die Tatsache, dass man sie anstellt, zeigt immerhin, dass der Manga etwas zu bieten hat, was Neugier erzeugt. Nicht das Schlechteste, was man angesichts der Flut an belanglosen Serien auf diesem Feld sagen kann.

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