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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Vater namens S.

Der persönlichste Erzähler des europäischen Comics heißt Gian Alfonso Pancinotti. Den kennen Sie nicht? Dann vielleicht seinen Künstlernamen Gipi, unter dem er zahllose Preise gewonnen hat. Und wenn auch den nicht, dann ist es höchste Zeit, das zu ändern. Am besten mit „S.", einem Buch wie kein anderes.

Was Gipi erzählt, hat mich immer berührt. Dabei gibt es kaum eine Gegend, die mir weniger vertraut wäre als die Po-Ebene in Norditalien, wo seine Geschichten spielen, keine Schicht, die mir fremder wäre als das proletarische Milieu mit ständigen Kontakten zum Kriminellen, wie er es schildert, keine Verhaltensweisen, die ich weniger verstünde, als die, die seine egozentrischen Figuren zeigen. Und doch ist alles schlüssig, weil Gipi von einem archaischen Leben mitten im zwanzigsten Jahrhundert erzählt, das einfach so ist, was wir es uns alle vom Leben erhoffen: tief und wahr.

Dass er mit seiner unverkennbaren Aquarelltechnik ein Italien ins Bild setzt, das von permanent klammer Kälte durchzogen scheint (Leseprobe: http://www.reprodukt.com/product_info.php?products_id=434), ändert nichts an der Schönheit dieser Geschichten. Und so sind die Bücher des 1963 in Pisa geborenen Spätberufenen, der erst in den neunziger Jahren zum Comiczeichnen fand und 2005 seinen großen Durchbruch in Frankreich und Deutschland erlebte, ein doch immer wieder jugendfrisches Erlebnis – als schickte da jemand einen Sturmwind ins behäbige europäische Comic-Erzählen, ohne dass es dafür  Superhelden oder ähnliche Phantastik brauchte. Gipis Thema ist der Alltag, allerdings einer, der ständig bedroht ist durch Gewalt.

In „S.”, seinem neuesten Comic, mit dem er nun, nach Jahren beim Avant Verlag zu Reprodukt, gewechselt ist, ist dieser latente Gewalteinbruch der Zweite Weltkrieg, der diejenigen, die ihn erlebt haben, die Eltern des Ich-Erzählers, nie mehr loslässt. Wen die Rückblicke in die Kriegszeit kommen, fallen die Panelumrahmungen weg, alles wird haltlos, und die Bomben, die das Heim der Mutter zerstört haben, sind auch in den siebziger Jahren noch Erschütterungen. Der Psyche.

Vier Abschnitte umfasst „S.”, und jede fügt dem Geschehen etwas hinzu. Zum Teil widersprechen sich die Ereignisse, vor allem die vergangenen, denn die Erinnerung ist unzuverlässig. Vor allem die der Titelfigur „S.”. Das ist das Kürzel für Sergio, den Vater von Gipi, dessen Tod diese Geschichte ausgelöst hat. Was daran autobiographisch ist, verrät er nicht, aber alles ist so persönlich erzählt, dass man ihm jede Szene, jeden Erinnerungssplitter glauben will.

Am Schluss, wenn der Vater gestorben ist und seine Welt nur noch in der Form präsent ist, wie sich die Kinder an seine Erzählungen erinnern, erreicht Gipi beim Leser das Gefühl eines ungeheuren Verlusts. Wie könnte man besser eine Hommage an den eigenen Vater gestalten, als dass er plötzlich als ein Mensch auftritt, den wir nicht mehr missen möchten? Und der weiterleben wird – nun auch in unserer Erinnerung.

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