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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Reineke Fuchs, das Raubtierluder, aus weiblicher Sicht

Was Goethe vor 219 Jahren geschrieben hat, ist immer noch höchst aktuell. Zwölf Comiczeichnerinnen nehmen sich im Magazin „Spring" dem Versepos „Reineke Fuchs" an und fügen Goethes Handschrift ein Dutzend weitere hinzu.

Als Goethe am „Reineke Fuchs” dichtete, war in Frankreich Revolution. Wir schreiben das Jahr 1793, und Goethe zieht mit den Reichstruppen ins Feld, im Gepäck sein Manuskript. Als ein Jahr später zwölf Gesänge mit 45000 Hexametern erscheinen, ist es ein großes Gleichnis auf die Gewalt und Schwäche der Macht geworden. Reineke setzt sich als durchtriebener Charakter gegen das ancien régime von König Nobel, dem Löwen, durch. Heute mag man meinen, dass kaum etwas besser in die damalige Zeit gepasst hätte, aber „Reineke Fuchs” wird zunächst ein Flop.

Das hat sich geändert, der Stoff ist sehr bekannt (wenn auch nicht mehr so wie noch vor fünfzig Jahren, als er nach der Nazizeit wieder politisch höchst hellsichtig schien). Und seit Tischbein hat es etliche Bebilderungen gegeben. Aber noch keine wie die, die jetzt in der Comicanthologie „Spring” zu finden ist (http://www.springmagazin.de/).

„Spring” ist das Hausorgan einer Gruppe von Zeichnerinnen, die ihren Kern in Hamburg hat und seit 2004 besteht. Jahr für Jahr erscheint eines der immer schöner werdenden Hefte, und der Mitarbeiterkreis erweist sich als wandelbar, doch es bleiben immer Frauen. Diesmal, in der neunten Nummer, ist erstmals Claire Lenkova nicht mehr dabei, eine der Gründerinnen, aber ansonsten finden wir neun alte Bekannte aus „Spring” 8. Um sie und die drei weiteren Mitarbeiterinnen einmal alle zu nennen (in der Reihenfolge ihres Auftretens): Sophia Martineck, Nina Pagalies, Anne Vagt, marialuisa (alias Maria Luisa Witte), Katrin Stangl, Romy Blümel, Ludmilla Bartscht, Katharina Geschwendtner, Almuth Ertl, Barbara Yelin, Stephanie Wunderlich und Carolin Löbbert. Zusammen sind das zwölf. Und so konnte sich jede Zeichnerin einem Gesang von „Reineke Fuchs” widmen.

Aus 4500 Hexametern wurden 190 Seiten, und einige Hexameter haben auch ihren Platz auf diesen Seiten gefunden. Doch das Bild regiert klar über dem Text. Einen Comic kann man „Spring” Nummer 9 trotzdem nur schwer nennen, denn klassisches Comicerzählen mit Sequenzen auf den Seiten, Sprechblasen und Seitenarchitektur betreiben nur Sophia Martineck und Barbara Yelin. Die anderen illustrieren eher, bevorzugt ganzseitig, meist mit Einbezug kleiner Textpassagen, bisweilen aber auch ganz ohne Worte wie im Finale von Carolin Löbbert, wo der Kampf zwischen Reineke und dem Wolf Isegrim als mangaartig inszeniertes Catchen gezeigt wird, das nur Geräusche hervorbringt.

Kein Gesang gleicht dem anderen, und so wird das dichte Gewebe der Goetheschen Vorlage aufgebrochen durch die zwölf individuellen graphischen Stile: Aus „Reineke Fuchs” wird „Reineke F.”, wie das Heft betitelt ist. Der abgekürzte Name macht den Fuchs zum Fallbeispiel – juristisch, aber auch psychologisch.

Auffällig ist die drastische Darstellung von Gewalt und Sexualtät, die das Werk der zwölf Zeichnerinnen prägt. Die durch den klassischen Versrhythmus gemilderte Brutalität der Vorlage tritt hier unverhüllt zutage – Bilder zeigen eben klarer, was erzählt wird. Eingekleidet ist die Geschichte aber in einen wiederum klassisch zu nennenden Umschlag, der geradewegs von FK Waechters Zeichenbrett gefallen sein könnte, aber von Romy Blümel stammt, die sich im Inneren, in ihrem sechsten Gesang, von ganz anderer Seite zeigt. Die Vielfalt nicht nur zwischen den zwölf, sondern auch im Vergleich mit anderen Arbeiten derselben Zeichnerinnen (etwa aus „Spring” 8) ist verblüffend und weist die Gruppe als eine der kreativsten in Deutschland aus.

Für internationale Verbreitung ist auch gesorgt, weil die Texte ergänzend in Englisch abgedruckt werden – im Regelfall meist klein am unteren Rand (und in der seinerseits klassischen Übersetzung von T.J. Arnold von 1853), aber einmal, bei Anne Vagt, die ohnehin den gewagtesten Strich bietet (ein wenig wie Blexbolex), auch als Haupttext, wobei hier Goethes (und Arnolds) Original zur Gänze geopfert und durch eine hektische Szenenbeschreibung ersetzt wird, die dann linear ins Deutsche übersetzt wurde.

Es ist ein kollektives Werk, das „Reineke Fuchs” neue Leser zutreiben dürfte. Aber ob man sich nach dem vitalen Bilderbuch so schnell auf die alten Verse einlassen möchte? Egal, dieser schlaue, freche Fuchs ist unverändert aktuell.

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