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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Dreimal null ist null, bleibt null

Der Carlsen Verlag, Vorreiter bei so ziemlich allem, was es in Deutschland zu Comics gab, gibt nun eine neue Comicreihe heraus, die sich an junge Frauen richtet: „Special Edition for Ladies"; prangt als Gütesiegel auf jedem Umschlag. Wenn man als Mann hineinschaut, aber auch einfach als Comicfreund, kommt man aus dem Entsetzen kaum heraus.

Das ist ein kurzer Text über gleich drei Comics, aber er möge als Warnung verstanden sein. Dabei begann alles mit einer guten Idee. Leserinnen gab es bis in die neunziger Jahre für Comics kaum; die Helden waren alle männlich, Superhelden bieten eh wenig frauenaffine Themen, und wenn denn doch einmal so etwas wie eine Heldin auftrat, dann war sie entweder schick und schön oder aber alt und weise. Tertium non datur (und Prototypen dafür: Daisy Duck und Oma Duck).

Dann kamen die Manga und mit ihnen wachsende Zahlen beim weiblichen Publikum, die schließlich in diesem Segment das männliche klar überstiegen haben. Der Grund dafür ist einfach: In Japan werden Comics speziell auf Lesersegmente hingetrimmt, und so gibt es dort nicht nur schlicht Comics für Frauen, sondern auch noch feiner ausdifferenziert für deren jeweilige Vorlieben. Im Westen langte aber schon das Shojo-Genre (allgemein für Mädchen gedacht), um einen Kaufboom auszulösen.

Nun hat der Hamburger Carlsen Verlag eine neue Reihe installiert, die „Special Edition for Ladies” heißt und europäische Comics für Frauen bietet. Konkret sind das zwei französische und ein niederländischer; die Reihe ist also nicht einfach aus dem Ausland übernommen worden, sondern selbst gestaltet und kuratiert. Umso genauer muss man sich ansehen, was da erscheint (http://www.carlsen.de/graphic-novel-fuer-frauen).

Machen wir es trotzdem kurz, denn unsere Gesichter wurden beim Lesen länger und länger. Maarten vande Wieles „Paris”, der dickste Band des Trios (mehr als 200 Seiten), ist gleich der Tiefpunkt. Stilistisch tolldreist von Dupuy & Berberian geklaute Zeichnungen bebildern das frivole Leben von drei jungen Frauen, deren eine unter ihrem durch einen Unfall verunstalteten Gesicht leidet, was die Mannequin-Karriere dennoch nicht verhindert. Gemeinsam mit den beiden wahlweise Freundinnen/Feindinnen schlägt und schläft sie sich durch Paris, und der Hauptgrund für das Geschehen scheint für Wiele darin zu liegen, möglichst viele Haute-Couture-Modell zu zeichnen, die auch jeweils wie in der Modestrecke einer Frauenzeitschrift genau ausgewiesen sind. Wir bezahlen also Reklame und zwar mit immerhin fast zwanzig Euro.

Die anderen beiden Comics sind wenigstens von Frauen gezeichnet. Margaux Motin führt im Netz eine Art graphisches Blog-Tagebuch, dessen Erträge jetzt zu einem Band zusammengefasst werden: „Ich wär so gerne Ethnologin”. Auf jeweils einer Seite und oft auch nur in einem Bild wird gewitzelt – so etwas als „Graphic Novel” zu bezeichnen, ist aber der bessere Witz. Es handelt sich um einen Cartoon-Band, der bisweilen einzelne Episoden zueinander in Beziehung setzt, mehr nicht. Natürlich ist auch Frau Motin vor allem an Äußerlichkeiten interessiert, aber weil sie Mutter einer kleinen Tochter ist, kommen auch die üblichen Familienprobleme nicht zu kurz. Nur hat man das alles schon tausendfach gelesen. Und zumindest hundertfach auch intelligenter.

Schließlich „Luft und Liebe”, gezeichnet von Marie Caillou, geschrieben von Hubert (eigentlich Hubert Boulard). Es ist der dünnste Band (76 Seiten), und das darf man zynisch nennen, denn sein Thema ist Magersucht. Eine junge Frau und ein junger Man haben dasselbe Problem: Ihre Umgebung akzeptiert beider Wunsch nach strikter Gewichtskontrolle nicht. Sie sind deshalb in ärztlicher Behandlung, doch als sie zusammenziehen, verstärkt sich der Ekel des Paars vor der Welt. Deshalb soll niemand von der Beziehung wissen.

Das ist ein heikles, zugleich wichtiges Thema, und die Erzählung nimmt keine oberlehrerhafte Perspektive ein, sondern schildert das Dilemma einer solchen Krankheit für alle Beteiligten. Pech nur, dass Marie Caillous Zeichnungen auf eine Computerästhetik setzen, die eine graphische Kälte in die Erzählung bringt, die sie inhaltlich gar nicht besitzt. Dennoch ist dieser Band kein Totalausfall wie die anderen. Empfehlenswert macht ihn das aber nicht.

Mit der Reihe geht es weiter, obwohl – so weit wir das übersehen – nirgendwo bislang ein gutes Haar daran gelassen wurde. Für die Zukunft sind schon weitere Cartoons von Margaux Motin angekündigt. Na ja. Allerdings kommt auch Pénélope Bagieus „Wie ein leeres Blatt”, ein ausgezeichneter französischer Comic über eine junge Frau, die sich plötzlich ohne jede Erinnerung in Paris wiederfindet. Das ist der erste Teil dieser Serie, bei dem auch Männer den Aufdruck „For Ladies” missachten sollten. Aber die Geschichte hätte ihn auch gar nicht nötig.

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