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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Chagall als Kunstretter

Vor drei Jahren stand der französische Alleskönner Joann Sfar vor der Frage, wie viel Zeit ihm neben der Arbeit als Filmregisseur noch für seine Comics bleibt. Die Antwort war „Chagall in Russland" - als Album und als Geschichte, denn Marc Chagall steht darin vor demselben Dilemma wie sein Zeichner.

Es gab Jahre, da hätte man mit den Neuerscheinungen des französischen Comic-Künstlers Joann Sfar diese Rubrik mindestens zu einem Viertel füllen können. Mehr als ein Dutzend neue Bücher waren ganz normal, und für bedauernswerte, aber beglückte Leser wie mich, die alles haben wollten, was Sfar schrieb oder zeichnete, war es schwer, noch hinterherzukommen. Das ist mittlerweile anders, weil der Einundvierzigjährige auch sein Talent als Filmregisseur entdeckt hat, und selbst ihm ist seitdem nebenher nicht mehr allzu viel Arbeit an Comics möglich.

Genau um diesen Zwiespalt geht es in seinem jüngsten auf Deutsch erschienenen Comic „Chagall in Russland” (es ist nicht der neueste von Sfar; in Frankreich ist im Herbst sein Band „Tokyo” erschienen, den ich in diesem Blog schon gelobt habe, außerdem der von ihm verfasste und von Clément Oubrerie gezeichnete Auftaktband zu „Renard Manouche”, eine hinreißende am Leben von Django Reinhardt angelehnte Musikergeschichte in Tiergestalt). „Chagall in Russland” entstand in zwei Bänden 2010, als Sfar gerade Regie bei „Gainsbourg” führte, seinem Spielfilmdebüt – für das er ergänzend ein grandioses Artbook angelegt hat; Zeit zum Zeichnen nahm er sich also. Hier geht es eindeutig um Marc Chagall, obwohl der russische Maler in eine Phantasiehandlung versetzt wird.

Es ist Bürgerkrieg in Russland, die Weißen bekämpfen die Roten, und Chagall ist mittendrin. Er ist Künstler mit Herz und Seele, doch einem Maler will der Milchmann Tevje (den wir aus anderem, musikalischem Zusammenhang kennen) seine Tochter nicht zur Frau geben. Also verlegt sich Chagall aufs Theaterspielen, und dabei stehen ihm drei jüdische Freunde zur Seite: der Schlachter Tam, ein geigespielender Rotgardist und ein Sonderling, der sich für Jesus Christus hält. In einer Zeit, wo die Ideologien, Religionen und Volksgruppen aufeinander losschlagen, hat es das Theater aber nicht leicht.

Es wird viel gemordet und verstümmelt in diesem Comic, der auf Deutsch in einem einzigen 124 Seiten starken Band erscheint (Leseprobe unten rechts auf http://www.avant-verlag.de/comic/chagall_in_russland). Sfar macht aus den Blutszenen Grotesken, durch die hindurch jedoch immer der Schrecken des Bürgerkriegs spürbar bleibt. Chagall enthält sich aller Beteiligung, weil er nur die Kunst und seine Liebe lebt. Dass das Theater nichts für ihn ist, sagen ihm alle, und er weiß es auch selbst. Es fällt schwer, in diesem getriebenen Künstler nicht Sfar selbst zu erkennen, der die Comics für den Film geopfert hat.

Und damit ging viel verloren, denn was seine Comics in den Jahren, als er pausenlos publizierte, leisteten, war nicht weniger als eine Revolution. Da zeigte einer, was alles geht in dieser Erzählform, und weil er es nicht in einem einzigen Band zu beweisen hatte, waren die Experimente jeweils konzentriert. „Chagall in Russland” dagegen vermengt zu viel aus Sfars „Klezmer”-Serie (die ja auch zeitlich und räumlich in der Nähe angesiedelt ist) mit Phantasmen, die man aus „Die Katze des Rabbiners” kennt. Aus Bewunderung für Hugo Pratt, den uneingestandenen Meister von Sfar, sind diesmal alle Panels gleichgroß, aber damit fehlt dem Comic die seitenarchitektonische Dynamik anderer Arbeiten.

Dennoch ist „Chagall in Russland” ein Meilenstein in Sfars Karriere, denn mit der Arbeit daran hat er sich wieder aus dem Kinogeschäft gelöst. Nicht, dass er es aufgegeben hätte. Aber dass nun in Frankreich das überbordende „Tokyo” und der lustvolle „Renard Manouche” erschienen sind, zeigt, dass Sfar wieder Kapazität für Comics hat. Daran hat es beim Zeichnen von „Chagall in Russland” am meisten gefehlt, obwohl immer wieder subtile Anspielungen auf Chagalls Werk Platz gefunden haben und die stumme Schlussseite mit einem verwüsteten ländlichen Russland zum Stärksten gehört, was Sfar je gestaltet hat. Oder die Korrespondenz zwischen zwei ganzen Seiten, über deren jeweils sechs Panels sich die ganze Gestalt von Chagall verteilt: einmal als Emporfliegender, das andere Mal als Stürzender, jeweils an der derselben Position in Teil 1 und Teil 2 der Geschichte. Das sieht man, wie genau Sfar seine Comics durchkomponiert. Da steckt auch einmal alles drin, was dieses biographisch-phantastische Projekt versprach. Der Rest ist mehr als genug, aber das ist nicht Sfar in Höchstform.

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