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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das Kind, das zum Soldaten wurde

Der französische Comiczeichner Emmanuel Guibert hat einen scheinbar ganz normalen Mann berühmt gemacht: Alan Ingram Cope, einen Soldaten, der am Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Vereinigten Staaten nach Europa kam und dort blieb. „Alans Krieg" machte aber auch Guibert berühmt. Nun erzählt der Zeichner in einem faszinierenden Band von der Kindheit seines längst gestorbenen amerikanischen Freunds.

Der französische Comicband „L’enfance d’Alan” (Alans Kindheit) hat es in sich. Er setzt „Alans Krieg” fort, die dreibändige Comicbiographie, in der Emanuel  Guibert vom amerikanischen Soldaten Alan Ingram Cope erzählt, den er als alten Mann kennengelernt hatte. Cope kam in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Europa noch zum Einsatz; es ist also im Gegensatz zum Schicksal von René Tardi die Geschichte eines Siegers. Doch auch Cope ist nur ein kleines Rädchen in der riesigen Kriegsmaschinerie, und der größte Teil des Comics galt der Nachkriegszeit. Dennoch wurde „La guerre d’Alan” viel gelesen; nach „Persepolis” von Marjane Satrapi und „Le haut mal” („Die heilige Krankheit”) von David B. war es die populärste Serie des Autorenverlags L’Association.

Dass Guibert über noch mehr Material verfügte, deutete sich schon in „Alans Krieg” an. Nun legt er vier Jahre nach dem Abschlussband der Trilogie Copes Erinnerungen an dessen Kinderzeit vor. Was die Faszination dieses Comics ausmacht, wird sofort klar, wenn man ihn aufschlägt. Guibert verfügt über eine grandiose künstlerische Gabe. Zum Beispiel erzeugt er durch das Auslassen allen Dekors im Kontrast zu wiederum ganz detaillierten Panels einen Rhythmus, der Seinesgleichen nicht hat. Und seine minimal verwischten Darstellungen, die wie übermalte Fotos aussehen (und es oft auch sind), evozieren trotz markanter Konturlinien den Stil von Gerhard Richter.

Der Band ist also großartig, ästhetisch wie inhaltlich, aber das überrascht nicht. Wir kennen das Rezept aus „Alans Krieg”. Was jedoch einen speziellen Blick lohnt, ist das Umschlagbild. Es orientiert sich in der malerischen Ausführung am Cover der überformatigen französischen Gesamtausgabe von „Alans Krieg”, die 2011 erschien, während die Einzelbände noch jeweils eine simple Zeichnung vor unifarbenem Hintergrund zeigten – klassischer Association-Stil. Das Prequel präsentiert nun auf dem Umschlag den kleinen Alan in Unterhemd und kurzer Hose am Strand des Pazifischen Ozeans, bis zu den Knien im Wasser, Matrosenmütze auf dem Kopf, Blick in die Ferne Was ist so toll an diesem Bild? Erst einmal die Komposition. Der Pazifik liegt im Westen der Vereinigten Staaten, es wäre also naheliegend, einen Jungen, der auf den Ozean hinausschaut, nach links blicken zu lassen. Guibert aber zeigt Alan mit Profil nach rechts. Damit deutet er den Blick gen Osten an, nach Europa, wohin dieses Leben führen wird. Und das akribisch realistisch gezeichnete Meer hat trotz geringer Tiefe eine bedrohliche tiefbraune Farbe und verläuft nach oben hin in leichte schaumgekrönte Wellen. Man sieht, dass diesem selbstbewussten Jungen ein Sturm bevorsteht.

Doch um die Meisterschaft des Umschlags erst richtig zu würdigen, muss man den Comic lesen. Die Strandszene liefert nämlich ein Bild, das es im Inneren des Buchs gar nicht gibt. Von den sommerlichen Ausflügen nach Long Beach berichtet Alan Cope, dass ihn die Eltern angehalten haben, nie tiefer als bis zu den Knien ins Wasser zu gehen, und als folgsamer Sohn habe er es dann auch nur bis zu halber Höhe der Waden kommen lassen. Es ist dieser gehorsame kleine Mann, den Guibert in so stolzer Pose zeigt, und damit verweist das Motiv auf den braven Soldaten Cope, der fünfzehn Jahre später nach Europa kommen wird. In einem Bild ein ganzes Leben.

Das soll für heute reichen zu diesem Meisterwerk. Schweigen wir über die Autofahrt, die Guibert als Prolog inszeniert, zweifellos die Frucht einer eigenen Recherchereise, denn sie zeigt das moderne Kalifornien, während darüber die Stimme des 1999 verstorbenen Alan Cope liegt, der davon erzählt, wie friedlich es dort vor 1941 war, als die Rüstungsindustrie an die Westküste zog. Diese Bilder sind jeweils farbige Doppelseiten, und sie führen uns vom hellen Sonnenschein in die Dämmerung – auch das natürlich eine Bildmetapher. Aber wir wollten ja schweigen. Sonst staunt man nicht mehr. Und zu staunen gibt es viel in „L’enfance d’Alan”. Hoffentlich lässt die Edition Moderne den Band bald übersetzen.

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