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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mädchen für alle

Mit „Hilda“ von Luke Pearson hat sich der Reprodukt Verlag die charmanteste Comicserie der letzten Jahre gesichert. Er steckt sie in sein neues Kinderprogramm, aber da wird sie auch viele erwachsenen Leser finden.

Hilfe, dieser Mann existiert nicht in Wikipedia! Ist das Genie oder Wahnsinn? Beides. Genie von ebenjenem Luke Pearson, der es anscheinend geschafft hat, sich aus der Ubiquität fernzuhalten, obwohl er einer der bemerkenswertesten Zeichner seiner Generation ist (wie auch immer die beschaffen ist, Pearson sieht jedenfalls sehr jung aus). Und Wahnsinn von einem weltweiten Comicpublikum, das seine Meisterwerke anscheinend noch nicht intensiv genug wahrgenommen hat, um etwas über Luke Pearson wissen zu wollen.

Aber was wir schon wissen: Seine Serie um das kleine Mädchen Hilda ist der große Coup der letzten Jahre. Der erste Band, „Hildafolk“, kam 2010 heraus, und seitdem folgten noch „Hilda and the Midnight Giant“ und „Hilda and the Bird Parade“, das zu meinen zwanzig Lieblingscomics des Jahres 2012 gehört (http://faz-community.faz.net/blogs/comic/archive/2013/01/04/meine-lieblingscomics-des-jahres-2012.aspx). In Frankreich wird Pearson gefeiert, und erfreulicherweise hat sein englischer Verlag, Nobrow Press, kurzerhand dort eine eigene Übersetzung der „Hilda“-Comics  publiziert. Nur wir in Deutschland blickten mal wieder in die Röhre, aber das ist jetzt bald vorbei.

„Hilda und der Mitternachtsriese“, wie der zweite Band auf Deutsch heißen wird, ist Teil des fürs Frühjahr angekündigten neuen Kindercomicprogramms des Berliner Verlags Reprodukt, seines Zeichens das anspruchsvollste deutsche Haus auf seinem Feld. Da man den aber bald lesen kann und ich „Hilda and the Bird Parade“ schon gelobt habe, sei hier da Debüt der Serie empfohlen: „Hildafolk“. Ob es auf Deutsch erscheint, ist zweifelhaft, denn die Geschichte hat nur 24 Seiten, zu wenig für ein eigenes Album, zu viel, als dass man einfach mal dieses Kleinod an eine längere Geschichte dranhängt (Leseprobe: http://www.nobrow.net/2717).

Also sollte man diesen Geniestreich auf Englisch kaufen, es kostet im wunderschönen Heftformat gerade einmal sieben Pfund. Und dann erst wird man auch gut gerüstet sein für die weiteren Bände, denn die „Hilda“-Serie bietet zwar jeweils in sich abgeschlossene Geschichten, aber je besser man die Welt kennt, in der das alles spielt, desto mehr hat man von der Lektüre.

Hilda ist ein etwa sieben- oder achtjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter in einem einsamen Tal irgendwo in einer Landschaft lebt, die an Skandinavien erinnert – vor allem durch die sagenhaften Wesen, die dort hausen, und die Namen der Akteure, die sich bewusst an den nordischen Mythenreichtum anlehnen. Die Stimmung ist von ähnlicher Poesie wie in Tove Janssons „Mumin“-Klassikern, nur dass hier ein Mensch (wenn auch mit blauen Haaren, also wohl nicht ganz so normal, wie man meinen könnte) im Mittelpunkt steht.

Poesie, Witz, Eleganz – und das für Leser allen Alters und beiderlei Geschlechts. Die „Hilda“-Serie ist eine Sensation. Lesen Sie so viel davon, wie Sie können. Und fangen Sie ruhig mit dem englischen Auftaktband an. Besser wird’s nicht. Schlechter allerdings auch nicht. Was für eine Freude!

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