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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Südafrika aus Slacker-Sicht

Die Welt wird kleiner, die Stoffe werden größer. Aus Südafrika erreichen uns die aberwitzig-witzigen Abenteuer von Dave und Paul, zwei Slackern in Kapstadt, die mit etlichem Geheimnisvollen zu tun bekommen. Joe Daly heißt ihr Zeichner, und nach diesem deutschen Debüt sähe man gern noch mehr.

Carlos Caluda lebt im Stockwerk über Dave in einem Zehngeschosser, der den schönen Namen „Pelikan“ trägt. Der „Pelikan“ wiederum steht in Kapstadt, und dort schlägt sich Dave als Graphiker mit Werbeaufträgen durch, obwohl er lieber Comics zeichnen würde. Man könnte in ihm ein Selbstporträt seines Zeichners sehen, des 1979 in London geborenen, aber in Südafrika lebenden und ausgebildeten Trickfilmzeichners Joe Daly. Aber Dave hat Affenfüße. Die hat sein Zeichner nicht.

 

Was sein Zeichner aber auch hat, ist erkennbar Lust am wilden Erzählen, und genau die kommt bei Daves Auftraggebern nicht gut an (und mutmaßlich auch nicht bei Dalys Kunden). Doch wer ein Leben führt wie dieser affenfüßige Dave, der deshalb klettern kann wie kein normaler Mensch, der hat eigentlich schon genug Wildes erduldet. Sein Zeichner wiederum träumt sich dieses Leben zurecht und macht daraus Geschichten, die ihm all das Abgedrehte zu erzählen gestatten, das im kommerziellen Illustrations- und Animationsgeschäft undenkbar ist. Und siehe da: Es gibt Interesse daran – zuerst in Amerika beim avancierten Verlag Fantagraphics und nun auch in Deutschland beim Avant Verlag.

 

Die Überraschung ist geglückt. Was auf den ersten Blick wie eine Fortführung des europäischen Nouvelle-Ligne-claire-Stils der achtziger Jahre aussieht, entpuppt sich bei Lektüre als an amerikanische phantastische Short Story geschultes Erzählen, das dadurch eher an der echten Ligne claire andockt (ein „Tim und Struppi“-Album von Hergé spielt sogar eine wichtige Rolle). Wie in den Klassikern spielt hier Plausibilität kaum eine Rolle, dafür der Spaß an der Verwicklung, und wenn Daly dafür – wie in der zweiten der im Band „Doppeltes Glück mit dem Roten Affen“ enthaltenen Geschichten – fast achtzig Seiten Zeit hat, um seine Phantasie in Gang zu bringen, wird es richtig gut. (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/doppeltes_glueck_mit_dem_roten_affen)

 

Wobei auch die erste Geschichte lesenswert ist, denn darin hat Carlos Caluda seinen Auftritt, ein Drogenschmuggler der besonderen Art. Wenn Dave und sein fatalistischer Slacker-Kumpel Paul für eine globale Jeunesse ennuyée stehen, die sich irgendwie durchmogelt, ist Carlos Caluda einer jener Glücksritter, die es so nur in Staaten wie Südafrika geben kann. Ganz nebenbei bekommt man in „Doppeltes Glück mit dem Roten Affen“ ein Soziogramm des labilen Staates geboten.

 

Allerdings konsequent aus Kapstädter und das heißt vor allem weißer Sicht. Interessant, dass farbige Südafrikaner in diesen – ja, nennen wir es ruhig Krimis – kaum auftreten und wenn doch, dann als mystisch-geheimnisvolle Gestalten. So gibt der Comic auch einen Einblick in eine spezifische Teilgesellschaft Südafrikas: die der jungen Weißen, die sich hier ihre eigene Welt aufbauen und vor allem nach Amerika und Europa schielen, wenn es um Vorbilder für die Lebensführung geht. Genau das macht auch der Comic von Joe Daly. Aber dieser Eskapismus macht sehr viel Spaß.

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