Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (2)
 

Liebe läuft Amok

22.03.2013, 10:27 Uhr  ·  Aus dem Nichts steht plötzlich ein virtuoser deutscher Comicerzähler vor uns: Lukas Jüliger, gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt. Der Hamburger Schüler von Anke Feuchtenberger hat mit „Vakuum“ eine romantisch-rätselhafte Geschichte gezeichnet, die im Dürrenmattschen Sinne zu Ende gedacht wird.

Von

Ursprünglich stand an dieser Stelle als erster Satz: “Ein Mord: Eine Schülerin wurde umgebracht.” Ein Leser dieses Blogs weist mich darauf hin, daß sie vergewaltigt wird, aber überlebt, der Tod schlägt woanders zu. Der Irrtum ist ein Zeichen für zweierlei: mangelnde Gedächtnisleistung meinerseits  durch Erschütterung nach der Lektüre und die Unwichtigkeit der Tatsache, wer hier stirbt. Denn der erste Tod ist ein MacGuffin – es geht um einen späteren.

Als noch einmal von vorn und anders begonnen. Ein Verbrechen: Eine Schülerin wurde vergewaltigt. Der Täter: ein schüchterner Mitschüler. Eine Liebe: Eine Schülerin wird bewundert. Der Bewunderer: ein schüchterner Mitschüler. Die Schülerinnen sind nicht identisch, die Mitschüler auch nicht. Aber das Schicksal der vier (und noch zwei weiterer Jungen) ist durch die gemeinsame Schulzeit miteinander verknüpft, und Lukas Jüliger hat um dieses Sextett eine hochspannende Phantasie über Pubertät und Rivalität entwickelt.

Dass der 1988 geborene Jüliger an der Hamburger Hochschuke für angewandte Wissenschaften ein Schüler von Anke Feuchtenberger war, sieht man seinem Buch an (und auch den Arbeiten, die er auf seiner Homepage zeigt: http://laluq.de/?page_id=28). Es ist die kühle Stilisierung seiner Figuren bei gleichzeitig dichter Textur seiner Schraffuren und Linien, die sofort an die Feuchtenbergersche Ästhetik denken lassen. Noch ähnlicher aber ist der Stil den Arbeiten der gleichfalls in Hamburg arbeitenden Zeichnerin Moki, und der Ton wiederum gleicht dem von Arne Bellstorf. Da entsteht eine selbständige Hamburger Comicdramaturgie, die bemerkenswerte Ergebnisse zeitigt.

„Vakuum“ heißt der 120 Seiten starke Band (und hier sei einmal die immer häufigere Unsitte des Reprodukt- und vieler anderer Comicverlage angeprangert, auf Paginierungen ihrer Comics zu verzichten). Vakuum herrscht im Leben des namenlosen Protagonisten und seines besten Freundes Sho, dem Sohn japanischer Eltern. Fülle verspricht die Freundschaft zu einem gleichfalls namenlosen Mädchen, dessen Name aber „nach Sommer klingt“. Doch es erweist sich als höchst seltsam, was beide nicht davon abhält, sich ineinander zu verlieben. Und wie Jüliger das Auf und Ab dieser Beziehung erzählt, ganz aus der Perspektive des Jungen, aber mit größter Sensibilität für das Mädchen, das verrät großes Talent.

Blass sind die Farben in „Vakuum“, hellbraun, gelb, fahlblau, grüngrau. Das entspricht der Grundstimmung des Buchs, das wie aus einer Albtraumwelt erzählt, die aber ganz alltäglich aussieht. Gewalt und Tod aber verändern sie, und in den Wäldern warten Geheimnisse, die den Comic aufs Feld der Phantastik führen. Coming-of-Age-Erzählung, Fantasy-Geschichte, Horror-Roman – es gibt viele Genres, in die „Vakuum“ passt, und auf allen schlägt das Buch sich beachtlich.

Dass alles auf ein Finale hinsteuert, das etwas zu effekthascherisch gerät, ist der einzige Schwachpunkt. Aber da das Ende im Dürrenmattschen Sinne erreicht wird, ist die Offenheit der allerletzten Seite ein zusätzlicher Schlag in die Magengrube, der zeigt, wie effizient Jüliger seien Mittel einsetzt. Ein starkes Debüt, nichts für schwache Nerven.

 
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
Sortieren nach
0 guccifake billaa 27.03.2013, 12:39 Uhr

Hermes Kelly 32 centimetri Borsa Lychee Rose Argento - €242.61 : Hermes Borse Negozi online, ou

Da Herr Platthaus das Thema "Unsitten anprangern" anschneidet, soll hier auch die Unsitte der mangelhaften Recherche nicht unerwähnt bleiben: Lukas Jüliger ist zwar Student an der gleichen Hochschule an der auch Anke Feuchtenberger unterrichtet, allerdings er ist Schüler eines anderen Professors, nämlich im Bereich Kinderbuchillustration. Das Erkennen einer "Feuchtenbergerschen Ästhetik" liegt also möglicherweise eher im Auge des Betrachters.
Abgesehen davon ist die Handlung von "Vakuum" falsch wiedergegeben: die Schülerin wird durch den schüchternen Mitschüler nicht ermordet, sondern vergewaltigt. Die Schülerin überlebt, der Täter begeht Selbstmord.

0 guccifake billaa 22.03.2013, 16:40 Uhr

Gioielli

Also, mal ehrlich, wer möchte Comics, "die im Dürrenmattschen Sinne zu Ende gedacht" werden.

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.