Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

So steht man quer zum Mainstream

03.04.2013, 13:25 Uhr  ·  Dieter Jüdt ist nicht nur ein Veteran unter den deutschen Comiczeichner, er hat auch als einer der Ersten seiner Zunft konsequent mit literarischen Vorlagen gearbeitet. Jetzt hat er nach Texten von Verena Postweiler, einer Graphikdesignerin aus Berlin, einen höchst ungewöhnlichen Band gestaltet: „Das große Rauschen“, im extremen Querformat. Ein Comic-Strip, der aber nie zuvor in Fortsetzungen erschienen ist.

Von

Sie reden nicht, die Protagonisten von „Das große Rauschen“. Zumindest nicht in Sprechblasen. Jeweils vier Panels hat jede einzelne Comicseite des extrem querformatigen Albums (Ansicht unter http://www.dieterjuedt.com/?page_id=81), und die Texte dazu stehen jeweils darüber. Manchmal gibt es wörtliche Rede, doch meist folgen wir als Leser einem stream of consciousness, der uns durch eine Stadt begleitet, die ihrerseits zu den Figuren spricht – durch das titelgebende Rauschen des Lebens in ihr.

Die Stadt ist Berlin, auch wenn dieser Name nicht fällt. Aber die Orte erkennt man, die Stimmung, die Menschen. Und schon auf der ersten Seite ist vom Palast der Republik die Rede. Wir sind also in einer Geschichte, die zurückgeht in die Erinnerung an die Stadt Berlin und ihre Wandlungen. Und es ist nicht nur eine Geschichte, sondern es gibt deren fünfzig, jede eine Seite und vier Panels lang. Doch sie folgen aufeinander wie ein Fluss.

Vor zwölf Jahren haben Kai Pfeifer und Tim Dinter in den „Berliner Seiten“ der F.A.Z. einen  Comic nach ähnlichem Konzept gezeichnet: „Der Flaneur“. Aber der war, wie es dieser Fortsetzungsplatz erforderte, als Säule angelegt: also vertikal statt horizontal. Und waren Pfeiffers und Dinters Protagonisten meist tagsüber unterwegs, sind die in „Das große Rauschen“ Geschöpfe von Tag und Nacht gleichermaßen. Über allen Tageszeiten aber liegt ein bronzerotes Licht.

Gäbe es eine Farbe, die für Dieter Jüdt, den Zeichner von „Das große Rauschen“, steht, dann wäre es solch ein Bronzerot. Es prägte schon „Viriconium“, den ersten Comic, mit dem der 1963 geborene Jüdt Aufsehen erregte – vor dreizehn Jahren. Der war nach einem Roman des britischen Science-Fiction-Autors M. John Harrison entstanden und brachte eine kafkaesk wirkende Mischung aus Phantastik und Archaik aufs Papier, die zuvor nur Reinhard Kleist in seinem „Lovecraft“-Comic erreicht hatte. Jüdt war dennoch als ein Solitär erkennbar, vor allem als er im Jahr danach den Band „Engel – Pandoramicum“ folgen ließ, im selben Stil, nur diesmal schwarzweiß. Diesmal hatte er ein Szenario des deutschen Phantastik-Schriftstellers Kai Meyer umgesetzt.

Danach habe ich ein Dutzend Jahre lang nichts mehr von Jüdt gesehen; keine Bildergeschichten zumindest, als Illustrator tauchte er bisweilen noch auf. Und nun kehrt er mit „Das große Rauschen“ zu den Comics zurück. Ein großes Publikum wird er damit nicht finden, denn das in der Edition Panopticon des Berliner Verlagshauses J. Frank erschienene Buch ist mit 39,90 Euro ziemlich teuer. Aber es lohnt die Lektüre. Und es sieht wunderschön aus, wenn man Coolness als ästhetisches Prinzip goutiert.

Wieder hat Jüdt nach einer fremden Vorlage gearbeitet; diesmal nach der bislang noch nicht als Schriftstellerin in Erscheinung getretenen Berliner Graphikdesignerin Verena Postweiler, siebenunddreißig Jahre alt. Man darf wohl Freundschaft unter Kollegen unterstellen. Aber die Texte sind  gelungen, sie haben ein sachliches Pathos, das dem Großstadtlebensgefühl abgelauscht ist. Und Jüdt illustriert sie nicht nur, er interpretiert sie. So werden aus einzelnen Worten gezeichnete Seitenwege, die eine parallele Geschichte erzählen. Und das in jeweils nur den vier gleichgroßen Panels, die als strenges Raster fungieren.

Es sind also klassische Comic-Strips, aber kein Periodikum hat sie vorabgedruckt, sondern man bekommt das ganze Konvolut auf einmal, schön unterteilt in fünf Kapitel, die jeweils mit einer architektonischen Einzelillustration eingeleitet werden. So entsteht ein Rhythmus der Lektüre, der tatsächlich einem Gang durch die Stadt gleicht: ständig neue Perspektiven, Menschen, Gesprächsfetzen, Ablenkungen. Es ist erstaunlich, was da geboten wird. Und ein Jammer, dass bislang so wenige Comicfreunde wissen, dass Dieter Jüdt zurück ist.

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen (8) Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.