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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Klein, aber oho

„Heftchen“ – so werden Comics gern abqualifiziert. Aus dem Klischee macht Christian A. Bachmann als Verleger eine neue Reihe, die „Comiqheft“ heißt und kleine Aufsätze bietet, die sich mit Bilderzählungen beschäftigen. Die ersten drei Ausgaben sind schon da.

Wo hätte man mehr interessante Comickenner erwarten dürfen, als beim Auftritt von Chris Ware im Berliner Martin-Gropius-Bau? Einer von ihnen war Christian A. Bachmann, ein Mann, den ich vor vier Jahren im Rahmen eines Freiburger Kolloquiums über Comics, das er mit ausrichtete, kennengelernt habe und der seitdem in Essen einen eigenen Verlag gegründet hat, in dem er Studien über Comics publiziert. Die jüngste Publikation trägt den Titel „Comics intermedial“ und versammelt etliche Autoren, die in Deutschland zum engen Kern der Comicforschung gezählt werden müssen, vom Urgestein Dietrich Grünewald über den kaum weniger wichtigen Bernd Dolle-Weinkauff bis zu jungen Autoren wie Bachmann selbst oder Véronique Sina. Der Band hat entsprechend 220 Seiten.

Weitaus weniger bei zudem viel kleinerem Format haben die Ausgaben der Reihe „Comiqheft“, die Bachmann im vergangenen Jahr begründet hat (Näheres dazu unter http://www.christian-bachmann.de/cbq.html). Der Name verdankt sich der Tatsache, dass er als Netz-Domain noch verfügbar war, aber er sieht auch gut aus, und wenn die Underground-Zeichner immer von „Comix“ schwafeln, ist „Comiq“ allemal berechtigt. Die Hefte haben so wenige Seiten (16 oder 24), dass die ersten drei nicht einmal paginiert sind, aber sie kosten auch nur jeweils einen Euro. Für diesen Preis bekommt man viel Anregung.

Wobei es überraschend ist, wie sehr sich die Schwierigkeiten, Comics wissenschaftlich zu behandeln, selbst in diesen kleinen Aufsätzen spiegeln. Nicht, dass die drei Hefte Unsinn erzählten, aber wenn der amerikanische Kunsttheoretiker David Carrier im Auftaktheft mit dem ambitionierten Titel „What Is a Comic?“ einige seiner Ansicht nach Irrwege der Beschäftigung mit Comics beschreibt, so gehören dazu explizit auch Bücher, die sich mit der Frage befassen, ob Batman schwul ist. Und just solche ein Buch ist dann als zweite Ausgabe von „Comiqheft“ erschienen: Lars Barnholds „Pink Kryptonite“ (Untertitel: „Das Comic-Out der Superhelden“), in dem Batman wie schon immer den Kronzeugen für Homosexualität im Comic abgeben muss.

Nun ist Banholds Essay weiß Gott nicht schlecht, aber er trägt nichts zum ästhetischen Verständnis von Comics bei, weil er nicht mehr darstellt als eine kleine Beispielsammlung für die wachsende thematische Bedeutung von Homosexualität in einem Metier, das sich damit traditionell schwertut. Wieso allerdings ausgerechnet Fredric Wertham, der größte ausgewiesene Comichasser der Geschichte, mit seinen interessegeleiteten Unsinnsuntersuchungen als willkommener Beleg dafür herangezogen wird, dass Batman-Lektüre schwule Neigungen unterstütze, ist mir schleierhaft. Und Autoren, die eigens betonen müssen, dass sie selbst aber nicht schwul seien, finde ich etwas verklemmt.

Carrier macht in seinem Heft übrigens die kluge Beobachtung, dass chinesische Kunst und Comics durch die gängige Verbindung von Schrift und Bild viel gemeinsam haben. Einen aussagekräftigen Schluss zieht er daraus nicht, aber sein Text regt an, über diese Frage weiter nachzudenken. Und das tut auch Lino Wirags Aufsatz „Von Comicwissenschaft zu Comicwissenschaften“, der nicht weniger fordert als den Abschied von einem alles bestimmenden Verständnis dessen, was wissenschaftliche Beschäftigung mit Comics zu sein habe. Stattdessen wünscht sich Wirag mehr Mut zu Fragestellungen, die mit allen theoretischen Ansätzen arbeiten, die die Kulturtheorie bereithält. Einem Donaldisten wie mir ist das hochsympathisch. Genauso arbeiten wir seit Jahrzehnten, wenn auch nicht als Comictheoretiker oder -historiker.

Comicbeispielbilder sind für den Preis von einem Euro nicht drin, aber die Comiqhefte sind individuell gestaltet (mal quer-, mal hochformatig, mal mit freien Illustrationen, mal bloß Text). Und das Lektorat bei Bachmann ist besser geworden, wenn auch der englische Text von Carrier noch ein paar Fehler bietet. Man darf gespannt sein, was Heft 4 bieten wird, in dem sich Markus Engelns der angeblich neuen Popularität der Superhelden widmen wird. Dieses „Comiqheft“ wird fünf Euro kosten und immerhin 48 Seiten umfassen. Wahrscheinlich dürfen wir da mit Bildern rechnen, was fast schade wäre, weil dann der schöne Pamphletcharakter der Reihe verloren gehen könnte.

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