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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kompendium für die Comic-Zukunft

Mit der zehnten Ausgabe stellt die Hamburger Anthologie „Orang“ ihr Erscheinen ein. In ihr hat der junge deutsche Comic genauso ein Forum gefunden wie internationaler Nachwuchs.

Die Feiern hören kaum auf. In Berlin, Leipzig, Hamburg – überall, wo man Bücher und Comics gleichermaßen liebt – hat „Orang“ das Erscheinen seiner letzten Ausgabe schon gefeiert. Zu Recht, denn mehr als ein Jahrzehnt lang hat das von Sascha Hommer begründete Magazin dem Comic-Nachwuchs nicht nur aus Deutschland eines der interessantesten Foren geboten. Line Hoven, Aisha Franz, Kati Rickenbach oder Anna Haifisch (um einmal nur Frauen zu nennen) haben hier früh ein Publikum gefunden. Und Anke Feuchtenberger, in deren Comic-Klasse an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften die Idee zu „Orang“ entstand, ist zum Finale auch wieder einmal vertreten: mit der Bildergeschichte „Effi redet Blech“, die einen ganz neuen Realismus der Zeichnerin zeigt.

„Heavy Metal“ lautet das Thema der Abschlussausgabe (mehrere Kostproben einzelner Seiten unter http://www.orang-magazin.net/), und einen größeren Namen als den der stilprägenden Comiczeitschrift der siebziger Jahre hätte man ja zum Schluss gar nicht wählen können. Wobei die siebzehn enthaltenen Beiträge das vorgegebene Thema sehr frei interpretieren. Ja, es gibt Beiträge, die sich der Heavy-Metal-Kultur widmen, und ja, es gibt auch Comics darin, die sich in die Traditionslinie von Moebius, des künstlerischen Vaters der Zeitschrift „Heavy Metal“, stellen lassen. Zu Letzteren gehört auch das von Hommer und Bellstorf gemeinsam konzipierte Cover, das sich auf alle vier Seiten des Umschlags ausdehnt und eine kleine Mutationsgeschichte erzählt.

Ansonsten halten sich die beiden bekanntesten „Orang“-Herausgeber (neben ihnen sind auch noch Till Thomas und Klaas Neumann redaktionell beteiligt) zurück. Von Bellstorf ist gar nichts im Heft, von Hommer eine nur vierseitige (aber umso schönere) Episode namens „Drifter“. Den Gästen in der Anthologie wird schon seit einigen Nummern mehr Platz eingeräumt. Diesmal sind unter anderen aus Finnland Amanda Vähämäki, die ein europäischer Star des Independent-Comics ist, und die beiden chinesischen Zeichner Zuo Ma und Yan Cong (der einmal im Heft falsch „Yang“ geschrieben wird) dabei. Zuo erzählt eine Kindheitsgeschichte mit Horrorelementen, Yan von seiner Begegnung mit Sascha Hommer, als der Deutsche 2012 sich für einige Monate in China aufhielt.

Die Kunst von „Orang“ bestand noch mehr in der Herstellung solcher Kontakte als in den veröffentlichten Arbeiten. Das Magazin wurde zu einem wichtigen Faktor in der weltweiten unabhängigen Comicgemeinde und zu deren Schaufenster in Deutschland. Dass von der Nummer 6 an der Reprodukt Verlag den Vertrieb übernahm, sorgte für größere Verbreitung, wobei mit solchen Publikationen niemals Geld zu verdienen ist.

So darf es als ein Wunder gelten, dass Hommer,  Bellstorf und Thomas (Line Hoven, die früher auch Herausgeberin war, wurde durch Neumann ersetzt) überhaupt so lange durchgehalten haben, obwohl sie selbst mit ihren Comics längst auf ganz anderen Hochzeiten tanzen. Die Liebe seiner Herausgeber zum rauhen, ungebärdigen Zeichnen (das sie selbst gar nicht betreiben) macht „Orang“ bisweilen zur schwierigen und ästhetisch herausfordernden Lektüre. Comics wie „Fender Mom“ von Anna Haifisch oder “The Werewurf“ von Angela Dahlinger in der zehnten Ausgabe sind alles, nur nicht mehrheitsfähig. Aber im Zweifelsfalle zählten das Experiment und die Freiheit des graphischen Erzählens mehr als die Rücksicht aufs Publikum.

Mittlerweile haben sich diverse Hochschulcomicmagazine in Deutschland etabliert, so dass „Orang“ nicht mehr so dringend gebraucht wird wie noch vor einigen Jahren. Man darf gespannt sein, was in der deutschen Comichauptstadt Hamburg in die Lücke vorstößt. Und ob vor allem Sascha Hommer seine nimmermüden Aktivitäten jetzt etwas mehr aufs eigene Zeichnen verlegt. Jedenfalls ist der Abschluss von „Orang“ nach zehn Ausgaben ein schöner Beweis für die natürliche Überlegenheit des Dezimalsystems.

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