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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Dieses Chamäleon bleibt gern braun

Ecce homo: Gerald Hartwig erzählt auf mehr als 250 Seiten über sein Jahrzehnt in Kalifornien, wohin er als junger Man aufbrach, um im Filmgeschäft zu reüssieren, und als gereifter Mann zurückkam, um eine Familie zu gründen.

Staunen darf erlaubt sein. Da kommt ein Mann, von dem ich noch nie gehört habe, und zeichnet einen zweihundertfünfzigseitigen autobiographischen Comic, in dem er so schonungslos mit der eigenen Vergangenheit umgeht, wie man es nur selten sieht. Gut, der man ist Profi, nämlich Illustrator für den Film und für Zeitschriften, aber solch ein ambitioniertes Comicdebüt ist denn doch die Ausnahme. Übrigens wurde es teilweise mit Crowdfunding finanziert.

Nun aber weg vom eindrucksvollen Umfang und dem Mut zu Selbstbetrachtung und -finanzierung. Beides zusammen reicht nicht zu einem guten Comic. Wie steht es um Inhalt und Form in „Chamäleon“ von Gerald Hartwig?

Vergleichsweise konventionell (Proben unter http://zeichenstrich.de/Zeichenstrich/Chameleon_2). Dabei setzt das Ganze originell ein: Der Vater des Protagonisten ist gestorben, und mit Frau und Kind macht er sich sofort aus Berlin nach Österreich auf. Beim Abflug schaut er aus dem Fenster und denkt an einen Anflug, mehr als anderthalb Jahre zuvor. Damals flog der gerade Zwanzigjährige nach Los Angeles, um in der Filmindustrie sein Glück zu machen. Der Landsmann Schwarzenegger hat es ja auch geschafft.

Und dann wird von Seite 20 an eben aus Kalifornien erzählt, über lange Zeit hinweg, bis zum bitteren Ende nach immerhin elf Jahren, als das amerikanische Abenteuer endet. Jerry (so nennt sich der junge Gerald Hartmann, als der sich Gerald Hartwig im Comic maskiert, in Amerika) hat es nicht geschafft. Es geht zurück nach Europa. Aber schließt sich auch erzählerisch ein Kreis? Nein, die Anfangsepisode um die Reise mit der Familie zum toten Vater wird nicht wieder aufgenommen. Wozu wurde sie dann eingeführt? Ein narrativer Trick ist verpufft.

Wie sieht das Ganze aus? Verwaschen. Hartwig fasst seine Panels oft in Rahmen mit abgerundeten Ecken, als sollten es Bildschirme sein, und sofort denkt man angesichts der Lavierungen an altertümliches Fernsehgeflimmer. Dabei sollen wohl eher Touchscreens à la iPhone gemeint sein (die es natürlich 1993ff. noch nicht gab, aber als Erinnerungsspeicher werden sie evoziert). Die Seitenarchitektur dagegen ist hoch abwechslungsreich, der Bildrhythmus wechselt ständig, und das Lettering ist gut lesbar. Aber die Figurendarstellung bleibt leider auch wieder eher verwaschen, teilweise anskizziert, dann wieder realistisch. Ich würde in Gerald Hartwig einen guten Storyboardzeichner vermuten. Aber das ist etwas anderes als ein Comic.

Alles in Kalifornien ist braun, wie eingefäbt vom permanenten Sonnenglast. Nur als es einmal nach Berlin geht, wird’s wieder grau wie zu Beginn – und noch bei Träumen. Das ist klug gemacht, aber das satte Braun lässt zu wenig emotionale Nuancierung vor, die auch durch Farbgebung ausgedrückt werden kann. Die monochrome Stimmung suggeriert eine gleichbleibende Einstellung gegenüber dem geschehen, aber nichts könnte weniger richtig sein. Jerry lernt einiges übers Leben während seiner elf kalifornischen Jahre, und „Chamäleon“ ist ein Bildungsroman, doch wenn man schon ein Tier in den Titel setzt, dass  jedem Leser die Vorstellung von Farbwechsel eingeben wird, warum ist die Anpassung dann nur eine rein erzählte und nicht auch gezeigte?

Trotzdem bleibt der Band ein beachtliches Buch – auch im Scheitern. Er zeigt, wie wagemutig Autoren und Verlage (hier der ohnehin kaum genug zu preisende Luftschacht Verlag aus Wien) mittlerweile sind, wenn es um Comics geht. Und so, wie Gerald Hartwig das Leben im Amerika der neunziger Jahre beschreibt, hat man es auch noch selten vorgeführt bekommen. Lohnt sich die Lektüre? Durchaus. Nur steckte in der Grundidee noch mehr als das, was nun  gedruckt wurde.

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