Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Muskelzuwachs garantiert

Selten gibt es originelle Cartoon-Ideen aus Deutschland. Sebastian Lörscher dagegen hat eine: Er errechnet, wie man Muskelmasse aufbaut und setzt das Ganze in seinem Aberwitz ins Bild.

Normalerweise sind  ordentlich Muskeln im Comic kein Problem. Entweder man ist Außerirdischer wie Superman und durch die Gravitationsverhältnisse der eigenen Heimat bevorzugt, oder man hat jahrzehntelanges Training hinter sich, die aus einem Hänfling einen Batman gemacht haben. Dann gibt es noch allerlei kosmische Einflüsse und radioaktive Schädigungen, die andere Superhelden stark gemacht haben, aber das alles taugt nicht für den Alltag. Verstrahlt wollen wir nicht werden, andere Planeten kennen wir nicht, und Jahrzehnte stehen uns fürs Training nicht zur Verfügung. Wir haben vielleicht täglich nur ein paar Minuten für Liegestütze.

Es geht uns also wie Sebastian Lörscher. Der ist jung (Jahrgang 1985) und Cartoonist in Berlin. Deshalb verbringt er viel Zeit am Zeichenbrett statt in der Mucki-Bude. Also ist Lörscher mit seinem Äußeren unzufrieden. Abhilfe versprechen hundert Liegestütze am Tag, aber dafür reicht’s auch nicht, denn seine Kalkulation geht von 3,2 Sekunden pro Liegestütz aus. Somit überlegt Lörscher, wie er die notwendige Zeit einsparen kann. Zum Beispiel durch Verlängerung der Schrittweite und dadurch Verkürzung der fürs Gehen verbrauchten Zeit.

Dann beginnt der Aberwitz: Lörscher bildet einen Koeffizienten aus der verbesserten Schrittzahl und den dadurch ermöglichen Liegestützen und kommt auf 1240 Schritte, die er braucht, um hundert Liegestütze zu ermöglichen. Und diese 1240 Schritte zeichnet er. Wir sehen auf sechs Seiten gelbem Rechenkästchenpapier 1240 kleine, aber weit ausschreitende Männchen. Das ist irre anzusehen und natürlich wirklich zeichnerischer Irrsinn. Und ein grotesker Kategorienirrtum, denn Lörscher setzt nun die Schritte mit den Liegstützen gleich und setzt zum Muskelaufbau  aufs Herumgehen.

Das ist aber nur die erste herrlich skurrile Fehlkalkulation. Bald wird auf dem Klo verbrachte Zeit in Liegestütze und also Muskelmasse umgerechnet, dann Sprache und schließlich auch das Zeichnen selbst. Und so ergeben 5700 eingesparte Buchstaben R angeblich auch hundert Liegestütze. Natürlich schreibt Lörscher dann  5700 Mal den Buchstaben R auf seine Rechenkästchenseiten, wie er vorher schon 143 Klogänge dokumentiert hat.

Das Prinzip ist also klar. Überhaupt begleitet Löscher in seinem Buch „Muskulöse Zeilen“ (Eichborn Verlag) alle seine Überlegungen und  Kalkulationen mit Zeichnungen Ansehen kann man sich das auf http://www.sebastian-loerscher.de/muskuloese_zeiten_NEU.html. Die Bildchen sind schön schlicht gehalten, einfach hingekritzelt, und so sehen sie aus wie spontane Gedächtnisstützen, was nur zu gut zum Thema passt. Ein solches Buch hat man noch nicht gesehen, und je länger die Umrechnung andauert, desto abstruser wird alles, so dass am Ende herauskommt, dass das Buch, das wir gerade lesen, in Liegestütze umgerechnet… Aber das jetzt zu verraten, würde die Lektüre überflüssig machen, und das will dieser Text auf keinen Fall!