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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das neue Ewigkeitsmodell

Wer ein Buch macht, hat etwas für die Ewigkeit. Matthias Gnehm hat nun noch mehr als das: eine Comicgeschichte um die Ewigkeit. Und die Form stimmt.

Bisweilen gibt es Zufälle, die die Lektüre eines Buches bestimmen – positiv oder negativ. So begann ich Matthias Gnehms neuen Comic „Der Maler der Ewigen Portraitgalerie“ auf einer Bahnfahrt nach Zürich zu lesen, ohne darüber nachzudenken, das Gnehm Zürcher ist. Als ich in der Stadt ein paar Minuten Zeit hatte, setzte ich mich vors Kunsthaus und las weiter. Und kam an die Stelle, die erzählt, wie der namenlose junge Protagonist (in dem man aber unschwer Gnehm selbst erkennen soll) eines Nachts vor dem Kunsthaus Zürich auf eine besondere Begebenheit wartet.

Nichts hatte mich darauf vorbereitet, plötzlich selbst mitten im Dekor des Comics zu sitzen. Vor mir das Rodinsche Höllentor, hinter mir die Stelle, wo Gnehms Alter Ego seinen Van parkt. Und dann wartet – eine ganze Nacht und einen Albtraum lang. Bei mir ist’s kürzer, wie gesagt, nur ein paar Minuten, aber in dieser kleinen Spanne lese ich wie der Blitz über die Szene vorm Kunsthaus hinweg. Wobei Gnehms Comic (der als Genrebezeichnung „Graphic Novel“ trägt) sich generell extrem schnell lesen lässt.

Gnehm wurde 1970 geboren, studierte Architektur und hat vor zwei Jahren den bemerkenswerten Band „Die Bekehrung“ publiziert, in der er den erlernten Beruf und seine Comicleidenschaft wunderbar verband. Umso gespannter war ich auf den Nachfolgeband, zumal der Titel nun die Beschäftigung mit einer weiteren Vorliebe, der Malerei, versprach. Aber die Architektur bleibt auch wichtig; kein anderer Comic dürfte jeweils Zürich so liebevoll und genau eingefangen haben – wenn die Stadt bei Gnehm auch ständig leer wirkt.

Das aber ist gewollt, denn das Geschehen konzentriert sich auf nur drei Personen (und rund siebzig Hundertschaft weiterer passive Personen, aber dazu später). Da ist der bereits erwähnte junge Mann, ein, wie man erst spät erfährt, erfolgloser Maler, der die Wohnung seiner verstorbenen, mit ihm verstrittenen Mutter ausräumt. Dabei fällt ihm eine Schachtel mit Fotos in die Hände, worunter sich wiederum ein kleines gemaltes Porträt seiner Großmutter findet. Alsbald hat der Erbe mithilfe des Internets heraus, woher das Bild stammt: aus der „Ewigen Portraitgalerie“, einer Institution, die Interessenten anbietet, nach Fotovorlagen solche kleinen Bilder malen zu lassen und sie dann durch ständige Weitergabe unter den Teilnehmern für die Ewigkeit zu bewahren.

Als der Kunstmaler trickreich das Foto des Großmutter-Porträts an die Galerie versendet, um ein neues Bild in Auftrag zu geben, meldet sich alsbald eine Kunsthändlerin bei ihm, die eine halbe Million Franken für das Werk bietet. Damit kommt die zweite Protagonistin ins Spiel, jene Person, die den jungen Mann später des Nachts vors Kunsthaus lockt. Denn dort erhofft er sich ein Treffen mit der dritten Hauptfigur, jenem anonymen Kaufinteressenten, in dessen Auftrag die Kunsthändlerin agiert. Am Ende erfährt der Enkel einiges über seine Familie, was diese in ein neues Licht rückt.

Das liest sich simpel, ist aber nur die Grundlage für eine Geschichte, die viel mehr sein will als eine Familiengeschichte: nämlich eine Auseinandersetzung über die Kunst, ihre Reproduzierbarkeit und Dauer. Und da hapert es denn doch. Der Anfang des Buchs ist großartig, zumal Gnehm mit wenigen Ausnahmen alle Seiten aus vier gleichgroßen Bilder aufbaut, die im Format dem Porträt der Großmutter entsprechen. Die Ausnahmen wiederum sind ganzseitige Bilder, die im Verhältnis auch den Maßen der kleineren Panels entsprechen. Texte in den Bildern gibt es nicht; wenn wörtlich erzählt wird, setzt Gnehm schwarze oder weiße Flächen mit dem nötigen Text an die Stelle einzelner Bilder. Über weite Strecken wird aber ohnehin wortlos erzählt.

Gezeichnet wird dafür umso elaborierter. Oder sagen wir gleich: Es wird gemalt. In einer Sequenz kann man dem Maler dabei zusehen, wie er ein solches Bild selbst anfertigt: Grundierung, Übermalung. Und da es sich bei den Porträts in der Geschichte um Arbeiten nach Schwarzweißvorlagen handelt, ist auch der ganze Comic schwarzweiß gehalten – und zudem mit bisweilen sichtbar dickem Farbauftrag gestaltet. Gnehm zieht wirklich alle Register, um die Grenzen zwischen Erzähltem und Erzählendem zu verwischen.

Aber das Ergebnis ist in seiner Sentimentalität bisweilen prätentiös geraten, und allein aus formaler Souveränität wird noch kein grandioser Comic. Wobei „Der Maler der Ewigen Portraitgalerie“ ein sehr guter Comic ist, weil er konsequent in seiner Selbstbezüglichkeit bleibt, ohne dass es einem auf die Nerven fiele. Und überdies ist der Band selbst eine ewige Porträtgalerie, weil Gnehm darin rund siebzig Verwandte, Freunde, Helfer und Idole untergebracht hat, deren Porträts Teil der Handlung sind. Es gibt sogar im Netz eine eigene Seite dafür: http://www.eternalportraitgallery.com/.

Einer von ihnen ist übrigens der gerade achtzig Jahre alt gewordene Schweizer Typograph Adrian Frutiger, dessen berühmte nach ihm selbst benannte Schrift aber von Gnehm leider nicht verwendet wird, sondern stattdessen die Helvetica. Wobei diese sachliche Grotesk-Type eine etwas unglücklich Partnerschaft mit den Bildern des Comics eingeht (aber das hätte die Frutiger auch getan). Frutigers Porträt findet sich übrigens aus der letzten Seite des Buchs, die gar nicht mehr zur Handlung gehört. Da ist oben links Goethe abgebildet, rechts daneben eben Frutiger, unten links der Schweizer Filmemacher Daniel Schmid und unten rechts als letzter Porträtierter im Buch Matthias Gnehm selbst. Was für eine Traditionslinie aus Literatur, Schrift und Bild, in die sich dieser ehrgeizige Comickünstler stellt!

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