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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Vor den “Watchmen“ ist nach den „Watchmen“

Der Aufschrei, als der DC-Verlag die legendäre Superheldenserie „Watchmen“ neu belebte, ist verklungen. In Amerika sind in einem Jahr fast vierzig Hefte erschienen, in Deutschland kommen sie nun in acht Sammelausgaben heraus. Was hat das Ganze gebracht?

Jeder, der sich für Comic interessiert, weiß, dass der britische Szenarist Alan Moore jede Weiterbearbeitung seiner Schöpfungen durch andere ablehnt. Sein Problem dabei ist, dass ihm oft die Rechte an den Figuren nicht gehören. Bei Batman (mit dem Moore die beste Geschichte überhaut erzählt hat: „The Killing Joke“), Superman (mit dem Moore die anspielungsreichste Geschichte überhaupt erzählt hat: „What Happened to the Man of Tomorrow?“) oder Swamp Thing (mit dem Moore die schönsten Geschichten überhaupt erzählt hat; zu viele, um sie zu alle zu nennen) ist das klar, aber mit „V für Vendetta“ oder „Watchmen“ schrieb Moore in den achtziger Jahren auch zwei umfangreiche Comics, die heute als Vorbilder der Graphic Novels gelten und zum Besten gehören, was das Metier jemals hervorgebracht hat. Und das mit Figuren, die er selbst erfunden hatte. Allerdings hatte er nicht darauf bestanden, die Rechte daran selbst zu behalten. Pech.

Beide wurden deshalb verfilmt – einmal brauchbar von den Wachowski-Geschwistern („V für Vendetta“), einmal ziemlich gut von Zack Snyder („Watchmen“), aber frühere Kinoadaptionen von Moore-Stoffen wie „From Hell“ oder „League of Extraordinary Gentlemen“ hatten ihn bereits derart verärgert, dass man ihn nicht mehr für so etwas gewinnen kann. Und ganz undenkbar ist für den meinungsfreudigen Engländer die Vorstellung, jemand anderer könnte seine Geschichten als Comics weiterführen. Nur kann er das im Falle von „Watchmen“ dem Verlag DC nicht verbieten, und genau das geschah im vergangenen  Jahr, als gleich eine ganze Horde von Autoren und Zeichnern daran gesetzt wurde, die Geschichte von Aufstieg und Fall der Superheldentruppe „Watchmen“ zu ergänzen. Immerhin führte man das von Moore erzählte Geschehen nicht weiter, sondern entwickelte nur die Vorgeschichte. „Before Watchmen“ heißt deshalb die Serie.

Moore spuckte dennoch Gift und Galle, und die zahllosen „Watchmen“-Fans waren entsprechend skeptisch. Aber die Serie, die viel umfangreicher ausfiel als das nur zwölfteilige Original, fand viele Käufer, und nach einem Jahr war tatsächlich alles abgeschlossen, ohne dass es einen Qualitäts-Gau gegeben hätte. Kaum ist das letzte amerikanische Heft publiziert, stehen jetzt die Sammelnachdrucke an, auch in Deutschland (bei Panini).

Um es gleich zu sagen: Kaufen Sie die Bände „Ozymandias“ (das ist der beste) und „Minutemen“ (das ist der klügste). Alle anderen – „Rorschach“ (leider die einzigen Bilder, die man überhaupt im Netz sehen kann: http://bilderundworte.de/en/catalog/before-watchmen-rorschach-gratis-comic-tag-2013/9542/detail), „Comedian“, „Nite Owl“, „Silk Spectre“ und „Dr. Manhattan“, dazu noch der gemischt zusammengestellte Band „Crimson Corsair“ – sind ästhetisch enttäuschend und nicht selten auch inhaltlich. Da wird zwar akribisch die Freundschaft des zwiespältigen „Comedian“ zur Kennedy-Familie erzählt, aber wie das Ganze endet, ahnt man schon auf Seite 3. Zumal ja auf das Geschehen der originalen „Watchmen“ hin erzählt wird, so dass man weiß, was sich da entwickelt. Wenn es gut läuft, machten die Autoren daraus eine Stärke, weil sie die Heldenpsychologie ins Zentrum stellten (so bei „Ozymandias“) oder Funken daraus schlugen, möglichst viele lose Enden zu verknüpfen (wie bei den „Minutemen“), aber es gibt auch Fälle, wo zwanghafte Originalität waltet („Silk Spectre“), und das bekommt den Geschichten gar nicht.

Spannend ist natürlich der Vergleich der heutigen Graphik mit den berühmten strengen Seitenarchitekturen, die der Zeichner Dave Gibbons den Moore-Szenarien verpasst hatte. Heute geriet alles wilder (bis auf „Silk Spectre“, die das alte Panelschema aufnimmt), und nur Jae Lee im Falle von „Ozymandias“ riskiert eine klare Seitenhandschrift. Sie wirkt spielerisch, passt sich aber den akrobatischen Fähigkeiten des Titelhelden an und wiederholt fast unmerklich Bilderrhythmen – ein großer Wurf. Zudem entspricht der kalte Realismus von Lee genau dem Charakter der Hauptfigur.

Ein Desaster ist der nach dem Vorbild des Originals beigefügte Horrorcomic „Crimson Corsair“, der jedoch nicht als Comic im Comic wie bei Moore und Gibbons auftaucht, sondern als Zusatzkapitel in den Heften abgedruckt wurde, mit jeweils zwei Seiten. Doch am Schluss des Zyklus gab es diese Ergänzung in einem halben Dutzend Ausgaben gar nicht mehr. Eine groteske Fehlplanung, auch wenn man die Klischeeanhäufung nicht vermisst hat. Dafür musste man aggressive Werbeseiten in den Heften erdulden, die bisweilen selbst die ausgefuchsteste Gestaltung zerstörten.

So etwas wird in den nun erscheinenden Sammelbänden natürlich fehlen. Dafür ist die reizvolle Heftstruktur weg. Aber auch das Original von „Watchmen“ entfaltet seinen wahren Reiz ja erst bei vollständiger Lektüre. Eine Schande sind die Prequels jedenfalls nicht geworden. Aber da sie erfolgreich waren, wird es wohl auch noch Sequels geben. Dann müsste man über Moore hinauserzählen, und da er der Größte ist, kann es danach nur hinabgehen. Hier konnte man sich noch zu ihm hocherzählen.

 

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