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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Weißrussland kann auch komisch sein

Wenn schon eine Weißrussin den Friedenspreis gewinnt, dann muss man doch auch mal sehen, was es für Comics über ihr Land gibt. In Deutschland Fehlanzeige, in Frankreich ein Volltreffer.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an Swetlana Alexijewitsch. Sie lebt in Minsk, der Hauptstadt von Weißrussland, und wenn man überhaupt etwas über diesen Nachfolgestaat der Sowjetunion weiß, dann, dass er als letzte Diktatur Europas gilt. Kein Ort also, an dem einen zum Lachen zumute wäre. Doch genau das kann man mit dem französischen Comic „Melo Bielo“.

Der ist schon vor einem Jahr erschienen, aber ich wollte angesichts der Auszeichnung für Frau Alexijewitsch wissen, ob es überhaupt Comics gibt, die in Weißrussland spielen. Auf Deutsch ist mir keiner über den Weg gelaufen, aber im Comic-Dorado Frankreich war die Suche rasch erfolgreich, und das Resultat ist eben „Melo Bielo“, geschrieben von Frédéric  Felder und gezeichnet von Olivier Besseron (und – nicht unwichtig – koloriert von Karine Gervier).

Was ist das für ein Comic? Eine Groteske, im Stil sehr ähnlich den frühen Comics des Berliner Zeichners Flix oder auch dem Comic-Strip „Touché“, den Tom in der „tageszeitung“ publiziert. Also cartoonartige Figuren, mit denen man eben doch besser humoristisch arbeiten kann als mit realistisch gezeichnetem Personal.

Soviel also ist klar: „Melo Bielo“ ist komisch. Allerdings bisweilen auch zynisch. Hauptfigur ist der französische Fernfahrer André Kosmalsky, der von seinem Chef den Auftrag bekommt, an eine Tour, die ihn nach Brüssel führt, um dort tausend Friteusen bei einer aufstehenden Pommes-Frites-Kette abzuliefern, noch einen Abstecher gen Minsk dranzuhängen, um dort in einem Marinepark einen lebenden Beluga-Wal abzuliefern. Was André nicht weiß, ist, dass man den Wal mit riesigen Mengen Zigaretten abgefüllt hat, die ihm am Zielort dann aus dem Leib geschnitten werden. Ein großangelegter Schmuggel also, der verblüffenderweise von West- nach Osteuropa geht.

Aber mit Plausibilität hält sich der Szenarist Felder nicht lange auf. Beim Wal, den André transportiert, handelt es sich um ein sensibles Exemplar, das sich ungern beleidigen lässt und im Zorn über telepathische Fähigkeiten mit erstaunlichen Folgen verfügt. Zwischen Fahrer und Fracht entwickelt sich so etwas wie Freundschaft, und das macht die Sache nicht leichter, als André erfährt, wobei er da mitspielt. Dabei hat er den Job doch nur deshalb so bereitwillig angenommen, weil sein Idol, die erfolgreiche Tennisspielerin Makarina Witkoff, aus Weißrussland stammt. Die wird dann prompt auch noch in den durchaus blutigen Fall verwickelt.

Am Ende sind die Bösen tot, und die Guten auf einem guten Weg, wobei es einen Epilog gibt, der das Ganze doch wieder ins Unheimliche zieht und auch auf die Helden Schatten wirft. Aber das gehört zum schwarzhumorigen Spiel, das Felder und Besseron so lustvoll betreiben. Ihr Vergnügen an nationalen Klischees und der Anspielungsreichtum ihrer Witze sind eine reine Freude. Makarina Witkoff ist eine amüsante Reminiszenz an die Eiskunstläuferin Katharina Witt, ehedem „das schönste Gesicht des Sozialismus“, und auch der belgisch Fritten-Mogul ist eine grandiose Figur. Und wie Besseron diese Akteure dann noch in Szene setzt, das verrät ein Verständnis für die comictypische mise-en-page, die alles andere als alltäglich ist.

Dazu gibt es eine hinreißende Homepage (http://www.melobielo.com/page01.htm), die von der Entstehungsgeschichte zu „Melo Bielo“ (ein Wortspiel aus „Meldodram“ und  dem französischen Namen für Weißrussland, „Biélorusse“) erzählt – auf eine Art, die der „Titanic“ alle Ehre machen würde. Aber wird es der Band zu einer deutschen Übersetzung bringen? Wohl kaum, denn zur Zeit vernebelt die Sucht nach Graphic Novels die Sinne von Verlagen und Lesern für Genreliteratur. Dabei brauchen wir die, wenn der Comic nicht das einbüßen soll, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist: den gelegentlich auch einfach hemmungslosen Spaß.

 

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