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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Staunen über die DDR

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Unsere Studenten zeichnen nicht mehr? Von wegen! Till Lenecke hat fürs Studium einen Comic als Leistungsnachweis geschaffen, den man gern allgemein zugänglich sähe.

Ja, das gibt’s noch: Comics, die aussehen, als kämen sie gerade erst aus der Kopiermaschine, gedruckt auf Bögen, deren Farbton den ausgestorbenen Begriff „Umweltschutzpapier“ wieder in Erinnerung ruft, zu einem kleinen A5-Heft geklammert und in einem liebevoll aufwendigen Stil gezeichnet, der Leidenschaft ebenso erkennen lässt wie die notwendigen Experimente eines ehrgeizigen Laien. Das Ganze gibt’s zudem für einen Spottpreis (1,25 M steht auf dem Umschlag, aber man muss warnen: Das ist ein Gag; es kostet, nachdem sein Zeichner es nun in kleiner Auflage hat drucken lassen,  5,90 Euro – zu bestellen ist es unter DDRland@gmx.de). Früher nannte man so etwas „Fanzine“.

Heute, im Zeitalter des Bologna-Studiums, ist es ein Leistungsnachweis, entstanden im Fach Kommunikationsdesign der Fachhochschule Aachen und dementsprechend zunächst nur  in einer Auflage von fünf Exemplaren. Der Zeichner heißt Till Lenecke, den selbst sehr genaue Beobachter der deutschen Comicszene bislang nur am Rande wahrnehmen konnten, weil er an abgelegener Stelle oder gleich selbst publizierte. Er lebte und arbeitete jahrelang in Hamburg, jetzt ist der einundvierzigjährige Lenecke Aachener Student im vierten Semester..

Denn Lenecke erzählt in seiner auf eigenen Jugenderlebnissen basierenden Geschichte von einer Reise, die eine Hamburger Familie 1984 zu Verwandten nach Ost-Berlin führte. Wobei der junge Protagonist David heißt. Gemeinsam mit den Eltern und zwei Schwestern geht es zu Onkel Karl und dessen Frau und beiden Kindern, die kürzlich aus Bad Langensalza in ein Plattenneubaugebiet der Hauptstadt der DDR umgezogen sind.

Auf 24 Seiten berichtet Lenecke von den Irritationen des Westbesuchs, die erfreulicherweise nicht persönlicher Natur sind – die beiden Familien verstehen sich ausgezeichnet –, sondern phänomenologischer. Die Westler staunen über das, was ihnen in der DDR begegnet, und nicht einmal immer negativ. Den wer wollte als Kind nicht auch mal gern in einem hypermodernen Wohngebiet mit weiter Aussicht vom Balkon leben. Und der West-Vater scheint einer gewissen Sympathie fürs sozialistische Modell auch gar nicht abgeneigt.

Aber die Perspektive bleibt konsequent kindlich, und Lenecke teilt seinen Comic in kleine Kapitel auf, die regelmäßig auch eine ganzseitige Karte der DDR enthalten, auf der neue Beobachtungen eingetragen werden, so etwa zu Alkoholika in der DRR, populären Reisezeilen (alles moderne Bauten), Verkaufspreisen oder dem Management. Diesem Atlasteil des Comics verdankt sich sein Titel „DDRland“.

Wer so einfallsreich zu erzählen weiß, der dürfte im deutschen Comic eine Karriere vor sich haben. Zumal Lenecke zwar noch etwas unbeholfen zeichnet (und orthographisch Schwächen hat), aber das passt gut zum kindlichen Blick. Und sein Einsatz von Lavierungen, die sich wie Flecken über die Panels ziehen, ist viel geschickter, als der flüchtige erste Blick vermuten ließe. Da weiß jemand sehr genau, was er tut. Also darf man nur noch hoffen, dass „DDRland“ seinen Weg in eine allgemein zugängliche Publikation findet. Und Lenecke weiter Comics zeichnet, nicht nur als Leistungsnachweise. Dieser ist geglückt.

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1 Lesermeinung

  1. Stille Stars, danke für die Entdeckung! HAFENSAFARI 7
    Toll, so entdeckt man sich wieder nach langer Zeit. Habe schon etwas von Till Lenecke gesehen, hier http://www.hafensafari.de/2009/karte_5.html
    Gut, dass die F.A.Z. sich auch um diesen Teil der Kultur kümmert…, spricht stark für Blatt&Blog!
    Gruß aus Hamburg

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