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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das zeichnende Ein-Mann-Wunder

In London lebt der deutsche Zeichner Andy Bleck, der auf eigene Faust und mit der eigenen Webseite http://konkykru.com/ die Comic-Geschichte erschließt. Und er publiziert seltsam-schöne Heftchen mit eigenen Arbeiten.

Von Zeit zu Zeit landet in meinem Frankfurter Briefkasten ein unfrankierter großer Briefumschlag, auf dem nicht mehr als mein Name steht. Dann weiß ich: Andy Bleck ist wieder mal in der Stadt. Er wurde hier geboren, 1967, doch er lebt schon seit Jahren in London, der Stadt, in der sein Vater jahrelang als Kulturkorrespondent arbeitete. In den Umschlägen sind selbstgedruckte Schwarzweißhefte mit Andy Blecks Arbeiten und ein kurzer Gruß.

Die letzte Sendung enthielt gleich zwei Hefte: ein großformatiges, das neue Kurzgeschichten von Blecks bekanntester Figur Konky Kru versammelt (eine gesichts- und auch formlose menschliche Gestalt, ein bisschen wie von Mordillo gezeichnet, die nie in Worten, sondern nur in Symbolen oder gar nicht spricht), und ein winziges querformatiges mit gezeichneten Impressionen. Dieses zweite Heftchen ist als erste Ausgabe von „Picture London“ ausgewiesen und trägt sogar einen Preisaufdruck:  £ 1,99.

Für nicht einmal zwei Pfund bekommt man darin bisweilen ein London vorgeführt, das man selten sieht. Bushaltestellen in Vauxhall etwa oder den East-Hill-Friedhof in Wandsworth. Wer wissen will, wie Andy s  Stadtansichten aussehen, kann http://andybleck.de/index.drawings.html konsultieren. Es sind ganz ruhige Aufnahmen im wörtlichen Sinne: Bleck setzt sich vors Motiv und skizziert, wobei er alles weglässt, was ihm zu schnell durchs Bild huscht, bestenfalls bleiben davon Schemen. Dadurch bekommen seine Zeichnungen die Anmutung von frühen Fotos, aus einer Zeit, als die Belichtungsdauer noch so lang war, dass alles Bewegte nicht oder eben nur verwischt festgehalten wurde.

Diese Arbeitsweise betreibt Andy Bleck schon seit Jahren; 2008 war er im Auftrag der F.A.Z.-Buchmessenzeitung als Zeichner auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs. Ansonsten lässt sich mit solchen schönen Bildern, die nicht notwendig berühmte Orte zeigen, sondern vor allem diejenigen, die aus irgendeinem Grund die Neugier des Zeichners geweckt haben, kaum Geld verdienen.

Deshalb handelt Bleck auch mit alten Comics. „Alte Comics“, das sind für ihn wirklich alte, aus der Frühzeit dieses Mediums. Da kennt sich Andy Bleck aus wie wenige sonst, und die Früchte seiner Expeditionen in Keller, Archive, Antiquariate und auf Flohmärkte kann man auf seiner Homepage http://konkykru.com/ in der reich bestückten Rubrik „Andy’s Early Comics Archive“ sehen. Die ersetzt ganze Regale von Spezialliteratur. Und bisweilen ernähren diese Funde ihren Entdecker.

Auch die Geschichten um „Konky Kru“ sind durch den stillen Humor der schlichten Zeichnungen eine Hommage an traditionelle Comic-Strips und die Erzählweise der Stummfilme. Am besten lesen kann man sie im Netz, denn in Deutschland hat sie kein Comicladen, der mir bekannt wäre, im Programm, und bis nach London muss man dann doch nicht dafür fahren. Aber sie lohnen sich – wie alles, was Andy Bleck zeichnet und recherchiert. Wir haben es mit einem Liebenden zu tun, und diese Liebe zu den Comics spürt man sofort. Andy Bleck ist eine Ein-Mann-Forschungsstelle, ein zeitloser Zeichner, ein kleines Wunder.

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