Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Tango als Bilderzauber

Argentiniens Seele hat niemand so in Töne gesetzt wie Carlos Gardel. Und niemand als Comic so gezeichnet wie José Munoz. Die Kombination ist also unschlagbar, zumal wenn Carlos Sampayo das Szenario für den Gardel-Comic von Munoz schreibt.

Carlos Gardel starb 1935, soviel weiß man. Doch wann er geboren ist (und geschweige denn, wo), das weiß man schon nicht sicher. Und die Umstände seines Todes mit etwa Mitte vierzig bei einem Flugzeugabsturz in Kolumbien sind auch alles andere als geklärt. Sicher ist jedoch: Gardel ist nach wie vor der beliebteste Musiker Argentiniens, eine Legende, die den Tango mit seinen Liedern zu einer neuen Kunst machte. Plötzlich wurde dabei nämlich Gesang zum wichtigen Faktor. Und in seinen Texten, die Gardel zu den Melodien der besten Tangokomponisten seiner Zeit schrieb, fand ein ganzes Land sich wieder.

Kein Wunder also, dass das berühmteste argentinische Comicduo, Carlos Sampayo und José Munoz, weltberühmt geworden durch seine Noir-Krimiserie „Alack Sinner“ und in seiner Kunst durchaus politisch engagiert, sich dieses Landsmanns angenommen hat. Doch ihr mehr als hundertseitiges Album „Carlos Gardel“, vor einigen Jahren in Frankreich erschienen und nun auf Deutsch beim Reprodukt Verlag, ist keine Biographie, sondern eine Variation auf Gardels Leben und seine Kunst. Die Abwesenheit fast aller biographischen Gewissheiten macht Sampayo als Autor zu einer Stärke, indem er die Liedtexte zum Leitfaden einer Erzählung macht, die in Rückblicken, Phantasmen und Momentaufnahmen aus der letzten Lebensphase Gardels ein Künstlerkaleidoskop schafft, das bewusst kein eindeutiges Bild ermöglichen will.

In Munoz hat er dafür genau den richtigen Zeichner. Schon „Alack Sinner“ war vor allem ein Stimmungsphänomen, ein Lebensgefühl in Schwarzweiß, und genau das leistet „Carlos Gardel“ nun wieder (siehe http://www.reprodukt.com/produkt/comics/carlos-gardel-die-stimme-argentiniens/). So wie auch Hugo Pratt in seinem schönsten „Corte Maltese“-Album, „Argentinischer Tango“ von 1985,  aus schwarzweißer Melancholie ein bezauberndes Porträt des Argentiniens der Zwischenkriegszeit geschaffen hatte (die Farbausgabe verfälschte diesen Eindruck später), haben nun auch Munoz und Sampayo als gelehrige Schüler Pratts jene Zeit in Tusche gefasst und dabei den Schwung und zugleich die Präzision des Tango als ästhetisches Vorbild aufgenommen.

Es gibt einen Rahmen, in den diese Comicerzählung gestellt ist: eine Fernsehdiskussion unserer Tage zwischen einem affirmativen Gardel-Biographen und einem kritischen Soziologen. Diese beiden Figuren liefern die Stichworte, aus denen sich das Geschehen entfaltet – als würden Töne angeschlagen, aus denen sich Melodien entwickeln. Dieses musikalische Verständnis prägt das, was auf den Seiten stattfindet, viel stärker als ein historisches, geschweige denn ein irgendwie biographisches.

Munoz und Sampayo sind keine Freunde großer Experimente mit der Seitenarchitektur. Ihre Geschichte wird jeweils in drei Reihen präsentiert, nur zweimal gibt es Ausnahmen, bezeichnenderweise erst  zum Schluss, wenn es ums Nachleben Gardels geht: Seine Beerdigung wird halbseitig ins Bild gesetzt, der Mythos auf der allerletzten Seite dann sogar ganzseitig – als Denkmal des Sängers in einer expressionistisch gehaltenen Bildkomposition, die direkt auf Lynn Ward verweist, dessen Holzschnittkunst einer der wichtigsten Anreger für Munoz ist.

Wer Nachprüfbares oder auch nur Nacherzählbares über Carlos Gardel geboten bekommen möchte, ist hier also falsch und sollte lieber mit historischen Aufnahmen seiner Lieder vorliebnehmen – Besseres als seine Musik gibt es nicht, um Auskunft über das Phänomen Gardel zu geben. Wer aber einen wagemutigen graphischen Essay über einen Nationalhelden lesen will, der findet hier ein grandioses Beispiel. In der Flut gegenwärtiger Künstlerbiographien auf dem deutschen  Graphic-Novel-Markt ist „Carlos Gardel“ ein Solitär.

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