Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Welt träumt sich nach Galicien

Der spanische Comicstar Miguelanxo Prado hat ein Mammutwerk gezeichnet: 250 Seiten über ein privates Phantasma, angereichert mit einem fiktiven Dokumentenanhang. Mit diesem Werk legt Ehapa noch einmal Ehre für seine Comic Collection ein.

Wenn wir von Ehapa reden, sprechen wir vom umsatzstärksten deutschen Comicverlag. „Micky Maus“ verkauft zwar keine Hunderttausenden von Heften mehr, aber wenn in einem Monat der neue „Asterix“ erscheint, ist eine Auflage von zwei Millionen garantiert. Doch wie steht es ums anspruchsvolle Segment, die Graphic Novels, mit denen man zwar nicht notwendig Geld macht, aber Ehre im Buchhandel einlegt? Da soll jetzt endlich auch mal wieder was bei Ehapa passieren.

Im Herbst kommt die neue Verlagslinie Egmont Graphic Novel auf den Markt. Doch zuvor bringt die traditionsreiche Ehapa Comic Collection, die in Zukunft nur noch solche Kassenschlager wie Lucky Luke oder Garfield publizieren soll, noch einmal ein Juwel: den jüngsten Band eines Zeichners, der neben Enki Bilal der wichtigste internationale Name im künftig durchkommerzialisierten Programm war: Miguelanxo Prado. „Ardalén“ heißt diese mehr als 250 Seiten umfassende zeichnerische Tour de force.

Ardalén ist der Name eines Windes in Galicien. Zumindest behauptet Prado das in seiner Geschichte. Da sie aber voller Phantasien und Phantasmen ist, muss man das nicht ernstnehmen. Jedenfalls spielt dieser Wind dem einsamen alten Fidel nicht nur Haluzinationen zu, sondern auch fliegende Walfische.

Fidel erhält eines Tages Besuch von der Anfangvierzigerin Sabela, die den Spuren ihres Großvaters folgt, der in den dreißiger Jahren zur See fuhr und von seiner Frau, die mit ihren beiden Töchtern in Galicien zurückbleiben musste, fortan totgeschwiegen wurde, obwohl er regelmäßig Geld geschickt hatte. Man hat Sabela erzählt, dass Fidel selbst Seefahrer gewesen wäre und ihren Großvater Francisco gekannt haben könnte. Tatsächlich aber ist Fidel nie aus seinem Dorf herausgekommen. Doch durch den Ardalén ist ihm die Erinnerung eines längst verstorbenen Matrosen zugetragen worden. Und der kannte Francisco wirklich.

Das klingt reichlich verquast, und wenn Prado in jenen Szenen, die Fidel im Dialog mit seinen Traumgesichten zeigen, auch noch dauernd Fische und anderes Meeresgetier durchs Bild treiben lässt (ansehen lässt sich das am besten auf Prados eigener Seite: http://www.miguelanxoprado.com/index.php?s=33&su=63&su2=37&cat=su2, wobei es sich dabei natürlich um die spanische Ausgabe handelt), dann knüpft das zwar an den Vorgängerband „De profundis“ an (aus dem auch ein Trickfilm wurde), aber das war ebenfalls schon schwerverdauliche Kost. Was „Ardalén“ demgegenüber auszeichnet, ist sein ganz persönlicher Ton, ein Pathos, das von einer tiefempfundenen Liebe Prados nicht nur zu seiner galicischen Heimat – er stammt aus La Coruna –, sondern auch zu den Figuren kündet.

Die Intensität, mit der Fidel und Sabela auf jeweils ganz andere Weise um ihre Erinnerungen ringen, ist bewegend. Und Prado erzählt nicht nur mittels seiner Bilder, sondern auch über zwischengeschobene Dokumente: Briefe, Gutachten, Schecks, Verlustlisten, Gerichtsbeschlüsse, Lexikoneinträge. Erst sie ermöglichen die vollständige Rekonstruktion des Geschehens – ein Kunstgriff, den der Spanier sich bei Alan Moore abgeschaut hat.

Aber das macht nichts. Bei den Besten klauen, kann ja das Eigene nur besser machen. Und so ist „Ardalén“ ungeachtet meiner bisherigen Skepsis gegenüber Prados Schaffen ein großer Wurf, ein höchst ambitionierter Comic, der zudem sehr sorgfältig übersetzt wurde und bis in solche Details, dass für Männer und Frauen unterschiedlich Schrifttypen in den Sprechblasen verwendet werden, um die differierende Heftigkeit des Redens zu visualisieren, genauestens überlegt ist.

Und noch eins: Dieser Band kostet dreißig Euro. Das ist viel Geld, aber angesichts der Ausstattung des Buchs günstig. Gut, dieser Preis konnte nur dadurch gehalten werden, dass Ehapa in China drucken ließ. Doch wenn das Resultat so makellos aussieht, kann man nicht viel dagegen sagen. Sollte Egmont Graphic Novel dort weitermachen, wo die Ehapa Comic Collection mit diesem Band jetzt noch einmal hingelangt ist, dann muss uns um die Zukunft dieser Reihe nicht bange sein.

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