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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Amerika und seine „Helden“

„Optic Nerve“ heißt eine bereits legendäre Heftreihe, die der amerikanische Zeichner Adrian Tomine seit 1991 herausgibt. Alle Jubeljahre erscheint ein neues Heft, jetzt die Nummer 13.

Das dreizehnte Heft von „Optic Nerve“, der 1991 im Selbstverlag begonnenen und seit 1995 vom kanadischen Independent-Verlag Drawn & Quarterly publizierten Heftreihe von Adrian Tomine, ist ein Wunder. Niemand sonst in der Comic-Welt erzählt so lakonisch und zugleich tief empfunden über das Alltagsleben wie der 1974 in Kalifornien geborene Sohn einer japanischen Einwandererfamilie. Es mag diese über mehrere Generationen reichende Herkunft sein, die mir überhaupt die einzige literarische Parallele zur Perspektive von Tomines „Sehnerv“ eingibt: Haruki Murakami.

 

Tomine aber betrachtet kein verwestlichtes Japan, sondern mit seiner amerikanischen Heimat ein Land, das mit sich im Reinen ist, aber keinen Grund dafür hat. In „Go Owls“, dem vierundzwanzigseitigen Hauptstück des neuen dreizehnten Hefts von „Optic Nerve“, einer wunderbar todtraurigen Kurzgeschichte, erzählt Tomine aus der Provinz von Utah, wo sich ein Mittvierziger und eine junge Frau über ihre gemeinsame Liebe zum einheimischen Baseballteam der Orem Owls anfreunden und verlieben. Zumindest glaubt man das.

 

Barry verdient sein Geld mit Drogenhandel im Kleinen,  “Babe“ hat gerade ihren Job als Putzfrau durch eine Ohnmacht am Arbeitsplatz verloren. Zusammen entwickeln die beiden Verlierer neue Stärke im Kampf gegen die Welt, aber am Ende erweist sich die ganze Affäre als großer Irrtum. Wie Tomine seine Schlussvolte dreht, das ist bemerkenswert.

 

„Optic Nerve“ war zu Beginn ein Forum für genau solche Kurzgeschichten, ehe Tomine es in den letzten Jahren zum Vorabdruck längerer Geschichten nutzte. In Deutschland sind nur die aus dem Heftmaterial zusammengestellten Samelbände wie etwa „32 Stories“ erschienen; das Heftformat selbst hat hier keine Tradition. Dadurch aber entgeht den hiesigen Lesern der eigentliche Reiz des Werks von Tomine. Die Form entspricht in ihrer Knappheit und grafischen Reduktion dem Inhalt.

 

Im dreizehnten Heft gibt es als Präludium zu „Go Owls“ eine Seite, die Tomines Verachtung für E-Mail-Kommunikation zum Thema hat – und das Unverständnis seiner Leser für diese Einstellung. Das hat der amerikanische Zeichner mit seinem kanadischen Kollegen Seth gemeinsam, der auch bei Drawn & Quarterly verlegt wird und mit „Palookaville“ ein ähnliches Heftprojekt verfolgt, das sich allerdings in den letzten beiden Ausgaben (Nr. 20 und 21) zu vollwertigen Büchern entwickelt hat. Tomine dagegen bleibt der klassischen Form des Sechsunddreißig-Seiten-Heft treu, wobei er als optischen Kniff diesmal ein seitlich um ein Drittel beschnittenes blaues Cover gewählt hat, das mit der darunter sichtbaren schwarzweißen Auftaktseite eine grandiose Komposition ergibt. Ein Labsal für den Sehnerv.

 

Allerdings hat die Ablehnung modernen Kommunikation auch zur Folge, dass man keine Seiten aus „Optic Nerve“ 13 im Netz zur Ansicht bekommen kann. Dafür ist die Homepage von Adrian Tomine sehenswert: http://www.adrian-tomine.com/. Und im neuen Heft gibt es Farbe, nämlich in der letzten Geschichte, einer achtseitigen Heimkehrererzählung in der Form eines Briefs, den eine längst verstorbene Mutter an ihren Sohn schreibt. Darin wird von einer früheren Rückreise der Frau mit ihrem kleinen Kind aus Japan in die Vereinigten Staaten berichtet, die gegen den Willen der japanischen Verwandten erfolgte. Es läge nahe, darin eine autobiographische Geschichte zu lesen, zumal der Text aus dem Japanischen übersetzt wurde, doch Tomines Eltern wurden selbst schon in en Vereinigten Staaten geboren, so dass hier eine andere Migrationserfahrung zum Thema geworden sein muss.

 

An der höchstpersönlichen Note dieser Episode  ändert das nichts. Und durch die Farbgebung, die deutlich an Chris Ware geschult ist, bekommt Tomines Erzählung eine zusätzliche Ebene. Denn nie werden die Gesichter der Protagonisten ins Bild gesetzt, alles bleibt in Andeutungen – ganz  wie die biographische Komponente. Dadurch wird die Farbe in den klaren Linien Tomines zum Hauptakteur, und wie er mit ihr das triste Osaka des Auftaktbildes dem verheißungsvoll nächtlich-glitzernden San Francisco der Schlussseite gegenüberstellt, das ist – um ein hässliches, aber in einem Heft namens „Optic Nerve“ allemal passendes Bild zu benutzen – ganz großes Kino.

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