Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Europäische Vielfalt im Bild

Die Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit hat einen Comicwettbewerb zum Thema „Europa“ ausgeschrieben. Die besten fünf Beiträge werden jetzt in einem Sammelband vorgestellt.

Acht Seiten sind nicht viel für Europa. Aber mehr durften die Teilnehmer am Comicwettbewerb „Animate Europe“, den das Brüsseler Büro der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit im vergangenen Jahr veranstaltet hat, nicht zeichnen. Weniger allerdings auch nicht. Erforderlich waren also nicht nur graphisches, sondern auch erzählerisches Geschick.

Neue Geschichten für Europa wurden gesucht, und wenn man hört, dass an dem international ausgeschriebenen Wettbewerb nur 21 Einsender teilgenommen haben, also weniger als die EU Mitgliedsstaaten hat (und es gab auch Teilnehmer aus den Vereinigten Staaten und Indonesien), dann könnte man das enttäuschend nennen angesichts der Mühe, die in die Sache ging. Die Jury bestand aus sieben ausgewiesenen Experten, darunter der deutsche Comicwissenschaftler Andreas C. Knigge, sein englischer Kollege Paul Gravett, die erfolgreiche polnischstämmige französische Zeichnerin Marzena Sowa und Willem De Graeve, der Direktor des Comicmuseums von Brüssel, das auch Kooperationspartner war. Da die Friedrich Naumann Stiftung von der FDP getragen wird, war der deutsche Anteil mit drei Jurymitgliedern (außer Knigge noch die Illustratorin Lilli Gärtner und der Fernsehautor Thorsten Ernst) allerdings etwas übergewichtig.

Gebeten worden war um Entwürfe zu Geschichten, und aus den 21 Einsendungen wurden dann von der Jury sieben ausgewählt, die in die verlangten acht Seiten umzuarbeiten waren. Dieser Mühe unterzogen sich allerdings nur fünf der Finalisten, der Amerikaner James Turek und der Belgier Gerardo Cornejo Lucaveche lieferten nichts ab. So blieben André Slob aus den Niederlanden, Emily Victoria Solichin aus Indonesien, Kilian und Lukas Wilde aus Deutschland, Luke Elliuson aus den Vereinigten Staaten und Marco Tabilio aus Italien übrig. Ihre Geschichten gehen in diesem Jahr auf Deutschland-Tournee.

Und sie sind in dem englischsprachigen Album „Animate Europe“ abgedruckt, das über die Friedrich Naumann Stiftung zu beziehen und auch als Ganzes auf der Homepage einzusehen ist (http://fnfeurope.files.wordpress.com/2014/01/animate-europe-neu.pdf). Praktischerweise ergeben fünf Geschichten à acht Seiten zusammen mit Vorwort und Biographien von Künstlern und Juroren die klassische Albumlänge von 48 Seiten. Und dieses Ergebnis kann sich sehen lassen.

Am wenigsten überzeugend ist die Geschichte von Solichin, die eine banale Fantasy-Story im Manga-Stil zeichnet. Die Popularität dieses Stils hat leider auch dazu geführt, dass sie das Cover des Albums gestatten durfte, so dass „Animate Europe“ jetzt aussieht wie eine Märchensammlung. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn zumindest drei Geschichten lohnen sich allemal (die von Ellison hat einen netten Kniff, ist aber eher etwas für zwei als für acht Seiten).

André Slob hat sich am karikaturesken Stil von Gotlib oder Claire Bretécher aus den siebziger Jahren orientiert. Seine Idee, die Rede von der europäischen Familie wörtlich zu nehmen und das Leben einer denkbar genervten realen Familie zu zeichnen, die sich über den Bau eine Pools (was für eine schöne Metapher für das Sammelbecken EU) zusammenrauft, ist wundervoll, allerdings verläppert der Schluss, als hätte Slob mitten drin abbrechen müssen. Aber seine Zeichnungen machen richtig Freude.

 

Das deutsche Brüderpaar Wilde erzählt von einer Reise nach Cueta, der spanischen Enklave in Marokko, also einem europäischen Vorposten in Afrika, der entsprechend von Migranten belagert ist.  Kilian und Lukas Wilde haben erkennbar viel von den französischen Reportagecomiczeichnern übernommen, gerade den Blick auf sich selbst in einer fremden Umgebung, und man hätte gern noch mehr gelesen, aber hier runden sich die acht Seiten perfekt.

Das gilt auch für Marco Tabilios „Erasmus and the Seal“, einer hübsch ausgedachten Geschichte um den Humanisten Erasmus von Rotterdam und dessen angeblich verlorenen Text „De Europa“. Tabilio hat daraus ein in bester humanistischer Tradition geführtes Zwiegespräch gemacht, das Erasmus mit einer Robbe führt, die er im Magen eines Wals trifft, der ihn verschluckt hat. Nicht diese Jonas-Variation aber ist der Clou, sondern Fußnoten, die Tabilio zu dem Gespräch setzt und damit einen ironischen Gegenwartskommentar über die Authentizität der Fiktion schafft.

Mit diesem im Stil der Ligne claire und besonders Joost Swartes gezeichneten Comic hat Tabilio auch den Sieg bei „Animate Europe“ davongetragen. Schade, dass ausgerechnet bei ihm aus Versehen eine (allerdings winzige) Sprechblase leergeblieben ist und sich ein paar Verschreiber in den englischen Text eingeschlichen haben. Aber die originellste Arbeit ist es allemal. Darf man darauf hoffen, dass die Friedrich Naumann Stiftung den Wettbewerb wiederholt? Nach diesem Ergebnis sollten sich mehr potentielle Teilnehmer ermutigt fühlen.

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