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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Koreanisch kochen in Bildern

Sohyun Jung ist aus Korea nach Hamburg gekommen, um Comiczeichnen zu studieren. Das hat sich gelohnt: Mit ihrem Buch „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ hat sei nun den Afkat-Graphic-Novel-Förderpreis gewonnen.

Vor zwei Jahren wurde erstmals der von einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei gestiftete Afkat-Förderpreis für Graphic Novels verliehen. Der Gewinner, Tilo Richters und Jan Kottischs Superheldenvariation „Flash Preußen“, wurde als Buch im Mairisch-Verlag veröffentlicht, und einen Sonderpreis samt Publikation gab es auch für Katrin Kraemers Märchen „Mädchen ohne Hände“. Dann war erst einmal Pause, doch im vergangenen Jahr wurde der Preis zum zweiten Mal ausgeschrieben und nun auch verliehen: an Sohyun Jung für ihren Comic „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“. Auch ihr Lohn ist eine Buchveröffentlichung bei Mairisch, und so kann man sich die prämierte Graphic Novel schon ansehen.

Dies vorweg: Sie sieht sehr gut aus. Natürlich ist der Verzicht auf Panelumrahmungen, also das freie Plazieren der Bilder auf den Seiten, mittlerweile schon eher Masche als Mode, aber Sohyun Jungs Aquarellzeichnungen können diese Freiheit gut vertragen. Mal füllt sie die ganze Seite bis an den Rand, mal stellt sie Einzelzeichnungen mitten auf den freien Raum. Eine Traumsequenz ist blau aquarelliert, der Rest schwarzgrau. Ihre Mittel beherrscht die einunddreißigjährige Koreanerin perfekt.

Das verdankt sie auch Anke Feuchtenberger, bei der Sohyun Jung an der HAW Hamburg studiert hat. Aus diesem Umkreis rekrutieren sich seit Jahren wichtige Künstler der jungen deutschen Comicszene, und an „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ war Feuchtenberger lektorierend beteiligt. Einigen Elementen der Geschichte merkt man das an: dem Phantastikeinschlag, dem Zeichenstil, der Ironie. Aber die Geschichte selbst ist ganz Sohyun Jungs. Wer sollte auch sonst so witzig über die Sehnsüchte einer nach Deutschland übergesiedelten Koreanerin nach den heimatlichen Lebensmitteln erzählen?

Wobei es nur um ein einziges Lebensmittel geht: Kimchi, eingelegten Chinakohl, den ich aus koreanischen Restaurants kenne und schätze, aber auch für gewöhnungsbedürftig halte.  Nun geht das Hana, der Protagonistin des Comic, mit den deutschen Speisen bisweilen genauso. Also entschließt sie sich, in Hamburg ihren eigenen Kimchi anzurichten. Die Geschichte, siebzig Seiten lang (plus sechs linierte Seiten als Raum für „Notizen für mein persönliches Kimchi-Rezept“; ein überflüssiger Gag) bietet nicht viel mehr als den Erfahrungsbericht, wie man zu dieser Lust auf Kimchi in der Ferne kommt – die per Skype aus Korea zugeschaltete Mutter spielt dabei eine geradezu dämonische Rolle –, wie man ihn zubereitet und was die deutschen Freunde dazu sagen. Das liest sich sehr schnell.

Wollte man dem einigermaßen akribischen Kimchi-Rezept, das Teil der Handlung ist, einen Eigenversuch folgen lassen, würde man allerdings ein, zwei Tage beschäftigt sein (und offensichtlich schwören einige Koreaner auf möglichst lange Fermentierzeit, also geht es noch viel länger). Ob‘s funktioniert, habe ich nicht ausprobiert. Einen Einblick ins Buch gibt es im Netz noch aus der Zeit, als die Zeichnerin auf der Suche nach einem Verlag dafür war: http://nutriculinary.com/2013/07/27/kulinarische-graphik-novel-sucht-verlag-vergiss-nicht-das-salz-auszuwaschen-eine-kleine-reise-in-die-koreanische-kuche-von-sohyun-jung/.

Doch so schön das alles ist: Neu ist die Idee von erzählerisch eingerahmten Kochrezept-Comics längst nicht mehr. Das mustergültige Beispiel ist natürlich Christophe Blains Buch über den Drei-Sterne-Koch Alain Passard, das im vergangenen Jahr bei Reprodukt auf Deutsch erschienen ist. Gab es so wenig Einreichungen beim Afkat-Preis, wähnte man sich wunders wie originell, war der reizvolle Blick aus der Fremde auf Deutschland (und zurück nach Korea) ausschlaggebend? Es wäre schön, wenn irgendwo eine Begründung für die Preisverleihung geboten würde, die über die Selbstbeschreibung „Der Fokus liegt einzig und allein auf der Kreativität und dem Ausdrucksvermögen der Künstler“ hinausginge. Zumal mit Sohyun Jung nach Katrin Kraemer zum zweiten Mal eine Feuchtenberger-Schülerin prämiert wurde. Mag alles verdient sein, aber ein bisschen mehr wüste man doch gern über die Umstände dieses Preises. Es gibt schließlich wenig genug an solcher Förderung in Deutschland.

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