Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Zeitreise in den Berliner Terrorismus

Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin im Jahr 1981, das sollte doch für uns Deutsche interessant sein. Doch Jörg Ulbert und Jörg Mailliet haben ihren Comic „Le Théorème de Karnthy“ bislang nur in Frankreich publiziert.

Wenn ich es mir richtig in Erinnerung rufe, habe ich die letzten vier Male, beginnend mit Gerhard Richter und endend mit Jan Bauer, an dieser Stelle nur deutsche Comics vorgestellt. Toll, dass so etwas möglich ist, und die Qualität oder zumindest das Exemplarische einiger weiterer Titel wären allemal attraktiv genug, um noch weitere Wochen so fortzufahren. Und in der Tat soll auch heute ein Comic gewürdigt werden, der aus deutschen Federn stammt. Allerdings ist er bislang nur in Frankreich erschienen. Die deutsche Fassung wird aber in den nächsten Wochen im mir bislang noch nicht bekannten Berlin Story Verlag unter dem Titel „Gleisdreieck“ erschienen.

Im französischen Original aber heißt er „Le Théorème de Karinthy“, und dieser rätselhafte Titel will erklärt sein: Er verdankt sich dem 1938 verstorbenen ungarischen Schriftsteller Frigyes Karinthy, der in einer Erzählung die These aufgestellt hat, jeder Mensch sei mit jedem anderen über maximal fünf Kontakte persönlich bekannt. Da darf man erwarten, dass sich der Comic überraschenden Beziehungen seiner Figuren widmet, und genauso ist es auch. „Das Karinthy-Theorem“ erzählt von der zweiten Generation des deutschen Linksterrorismus, Ort der Handlung ist Berlin im Jahr 1981.

Das ist ein interessantes Sujet, obwohl man sich fragen kann, was Franzosen daran offenbar interessanter finden als Deutsche, wenn es erst einmal keinen hiesigen Verlag gegeben hatte, der sich für den Comic interessierte. Das dürfte seinen Grund aber auch darin haben, dass der Verfasser der Geschichte, der 1967 geborene Landeskundler Jörg Ulbert, an der Universität von Rennes forscht. Sein Zeichner, der Illustrator Jörg  Mailliet, ist ebenfalls Deutscher und gleichfalls in Rennes zu Hause. Die beiden Jörgs sind also die richtigen Leute für den zeithistorischen Berliner Stoff, zumal es erstaunlich viel deutschen Dialog, deutsche Aufschriften und deutsche Liedtexte in diesem französischen Comic gibt (die ersten sechzehn Seiten kann man hier ansehen: http://www.digibidi.com/player/full/le-theoreme-de-karinthy-berlin-1981).

Das dient natürlich alles dem Lokalkolorit, könnte aber auch die Ursache dafür sein, dass sich auch in Frankreich kein großer Comicverlag der Geschichte angenommen hat, sondern das relativ unbekannte Pariser Haus Des ronds dans l’O. Das hat aber einen sehr schönen Band produziert, dessen gedeckte Farben die Tristesse des eingemauerten West-Berlins der frühen achtziger Jahre kongenial vermitteln. Auch die Recherche war sorgfältig: Straßenzüge und Gebäude sind leicht identifizierbar, und das politische Geschehen in einer Zeit, als Heinrich Lummer umstrittener Innensenator in der Westhälfte der geteilten Stadt war, ist geschickt in die Handlung integriert.

Es geht um die Neuorganisation einer Terrorzelle, nachdem die erste Generation der RAF im Knast sitzt und die verschiedenen Splittergruppen erst einmal stillhalten. Über Ost-Berlin kommt ein Mann zurück, der die Genossen wieder auf Kampflinie bringen sollen, doch im Hintergrund steht ein früherer Verrat, der böse Wunden hinterlassen hat. Ulbert und Mailliet stellen uns eine kleine Gemeinschaft von Terroristen mit all ihren Rivalitäten, Eifersüchteleien und Irrationalismen vor, vergessen aber auch nicht das Ethos, dass man gegen die etablierte Gesellschaft setzte. Der Ehrbegriff ist wichtig für die Radikalen, und umso verheerender wirkte der Verrat.

Man darf wohl vermuten, dass Ulbert im Berlin jener Zeit aufgewachsen ist; zu genau sind seine Kenntnisse über Lokalitäten, Musikvorlieben, Ereignisse. „Le Théorème de Karinthy“ ist eine Liebeserklärung an diese politische Insel, an all die gesellschaftspolitischen Freibeuter, die sie zum sicherem Hafen erwählten, und an das Lebensgefühl der achtziger Jahre. Wenn das für ein französisches Publikum schon interessant ist – wobei mit RAF und Berlin ja gleich zwei in unserem Nachbarland populäre deutsche Phänomene geboten sind –, dann sollte auch die deutsche Ausgabe beim Berlin Story Verlag etliche Leser finden.

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