Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ideen? Hier ist ein Zeichner, der welche hat

Bisweilen liegt das Gute so nahe. Nur eine Viertelstunde brauche ich zu Fuß von meinem Büro bis zum Atelier von Daniel Hartlaub im Frankfurter Gutleutviertel. Allerdings mussten wir beide mehr als vierhundert Kilometer fahren, um uns zu verabreden, denn das geschah Anfang April in Hamburg, bei den diesjährigen Graphic-Novel-Tagen, die ich moderiert und Hartlaub besucht hatte. Da erzählte er mir von einem Comic, den er für einen Leipziger Verlag hätte anfertigen sollen, doch der bekam kalte Füße, und nun lag die angefangene Geschichte in Frankfurt herum. Ob ich mir das nicht einmal ansehen wolle? Natürlich.

Wobei das, was mich bei Hartlaub erwartete, dann etwas ganz anderes war. Gut, die ersten Seiten zur „Romeo and Julia“-Version, die für den Leipziger Verlag hätte entstehen sollen, habe ich auch gesehen, aber das, was mich zuerst im Atelier in Bann schlug, war ein halbes Dutzend gerahmter Zeichnungen, vom A4-Format bis zum riesigen Porträt eines Panthers, an der Wand. Und von diesen Bildern kam ich so schnell nicht wieder los.

Denn sie sind die Keimzelle eines neuen Comicprojekts von Daniel Hartlaub. Doch zunächst zu ihm selbst: Er macht aus seinem Geburtsjahr wie so viele Graphiker ein Geheimnis, aber da er 1996 sein Visual-Design-Studium abgeschlossen hat, dürfte er Anfang bis Mitte vierzig sein. Danach arbeitete er vor allem für den Film, machte selbst kleine Trick- und kurze Realfilme und hatte doch die ganze Zeit den Traum, einmal einen Comic zu zeichnen. Die Idee einer Shakespeare-Aktualisierung im aktuellen Jubiläumsjahr kam da gerade recht. Aber nicht jeder Verlag hat eben den notwendigen Mut (oder man hat in Leipzig früher als in manchem anderen Haus begriffen, dass man mit Comics eher noch schwerer Geld verdienen kann als mit normalen Büchern).

Doch Hartlaub nahm den Rückschlag leicht, weil ihm bereits eine neue Option winkte, und die hat es in sich. Seit letztem Jahr ist er als Leiter von Trickfilm-Workshops für Kinder aktiv, die das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK) anbietet. Dieses Haus wollte sich nach einem Direktorenwechsel neu ausrichten, und eine der Folgen ist die Öffnung für Aktivitäten, die ein sehr junges Publikum ins Museum locken soll. Dadurch kamen die Museumsleute aber auch in anderer Sache mit Hartlaub ins Gespräch – nämlich betreffs eines Comics. Im Herbst 2014 plant das MAK eine Ausstellung mit dem Titel „1984“, die der Zeitstimmung jenes Jahres gewidmet sein wird, aber selbstverständlich auch George Orwell gleichnamigen dystopischen Roman thematisieren soll. Und es kam die Idee auf, irgendetwas ganz Eigenes beizusteuern.

Das wird aller Voraussicht nach durch Daniel Hartlaub geschehen und ein Comic namens „2048“ sein. Ein Science-Fiction also, der in einer recht nahen Zukunft spielt, also nicht von großen Veränderungen erzählen wird, sondern von einer uns einigermaßen vertrauten Welt, die sich aber dennoch von der heutigen unterscheidet. Hartlaub will in seiner Geschichte weiterdenken, wie sich die Kommunikations-, Unterhaltungs- und Gesellschaftsmodelle wandeln, und obwohl die Handlung nicht zufällig in jenem Jahr angesiedelt ist, in dem die hundertste Wiederkehr des Entstehungsjahrs von Orwells „1984“ ansteht, plant er keine ähnlich pessimistische Geschichte. Allerdings auch keine rundweg positive.

Es ist aber eh noch zu früh, darüber zu spekulieren, was „2048“ erzählen wird, denn Hartlaub möchte ungewöhnliche Wege gehen. Wenn die MAK-Ausstellung im Herbst eröffnet, soll seine Geschichte im kürzlich neu gestalteten Bistro des Museums zu lesen sein: auf regelmäßig sich abwechselnden einzelnen Seiten, die vielleicht als Unterlagen auf den Tabletts dienen könnten. So wird die Geschichte nicht auf einen Schlag zu lesen sein, sondern in Fortsetzungen von jeweils einer Seite, wobei die älteren im Bistro einsehbar sein sollen. Das erfordert jedenfalls eine andere Erzählweise als eine komplett vorliegende Geschichte, denn jedes Blatt soll möglichst für sich stehen können, obwohl alle zusammen doch eine große Erzählung bieten. Und Hartlaub will eventuell die Bistrogäste auffordern, sich mit eigenen Ideen am Fortgang des Geschehens zu beteiligen, so dass die Geschichte gar nicht im Ablauf festgelegt wäre. Als Besucher könnte man dann also „2048“ im Entstehen begleiten und sogar beeinflussen, und womöglich werden die Originalzeichnungen in einer eigenen kleinen Präsentation im Museum gezeigt.

Das würde sich lohnen, denn Hartlaub hat eine Technik entwickelt, die höchst bemerkenswert ist. Er schwärzt ein weißes Papierblatt mit Kohle und radiert dann weiße Linien, Flächen oder Strukturen heraus. Die Subtilität des Ergebnisses ist unglaublich (und die Proben auf seiner Homepage http://danielhartlaub.com/DANIEL_FELIX_HARTLAUB.html werden der Qualität, vor allem der Haptik dieser Arbeiten nur einigermaßen gerecht). Jedes künftige Panel wird als Einzelzeichnung angelegt, und jede dieser Zeichnungen (sofern man die neue Technik überhaupt so nennen kann, aber „Radierung“ ist als Terminus technicus ja schon anderweitig vergeben) ist ein vollwertiges Kunstwerk. Es wird dann jeweils von Hartlaub gescannt, und dann kann er sich entscheiden, wie er das Motiv mit anderen zu einer Comicseite arrangiert, ob er es dabei als Ganzes benutzt oder nur einen Ausschnitt wählt, diesen vergrößert und so weiter. Er hat autodidaktisch also genau das Verfahren entwickelt, das seit einigen Jahren auch Enki Bilal verwendet, einer der prominentesten Comiczeichner (und betreffs seiner Originale der teuerste lebende Comickünstler).

Vielleicht braucht es die Verbindung von Kunst und Comic, die Bilal und Hartlaub verbindet, um so ungewöhnlich und eigentlich comicuntypisch zu denken – auch Anke Feuchtenberger als eines von Hartlaubs Vorbildern arbeitet ähnlich, vom Einzelbild ausgehend. Und weil es außer ein paar Einzelbildern noch gar nichts von „2048“ gibt, darf man auch noch nicht zu optimistisch sein, was den hoffentlich entstehenden Comic angeht. Aber was schon klar ist: Hartlaub ist ein famoser Zeichner, dessen Kohleblätter einen Sog auf den Betrachter ausüben, der höchst ungewöhnlich ist. Was davon in einer gedruckten Reproduktion zu bewahren ist, muss man abwarten.

Seine Kooperation mit dem MAK dürfte ihm jedenfalls einige Aufmerksamkeit sichern, hoffentlich auch bei Verlagen. Der Pariser Louvre hat in den letzten Jahren sehr erfolgreich mit Zeichnern bei der Produktion von Comics zusammengearbeitet, und ganz wie diese Alben auch immer im Louvre selbst angesiedelt sind, will Hartlaub das ikonische Gebäude des MAK, eine der herausragenden Architekturen Richard Meiers, zumindest als Dekor seiner Geschichte einsetzen. Dass der strahlend weiße Bau mit den strengen Linien sich als Gegenstand der Darstellung in Hartlaubs spezieller Kohletechnik perfekt anbietet, ist klar.

Finanziert werden könnte das neuartige Experiment durch Crowdfunding, doch auch das dürfte noch einige Wochen lang Zukunftsmusik sein. Natürlich gibt es bei  Museen keine Budgets für solche Ideen, aber sie sind zu gut, als dass man nicht auch neue Wege finden sollte, sie umzusetzen. Und dann ist da ja auch noch das unfreiwillig unterbrochene „Romeo and Julia“-Projekt, das Hartlaub zwar derzeit beiseite, aber noch nicht ad acta gelegt hat.

Dieser Zeichner hat jedenfalls Ideen: erzählerisch, graphisch, technisch, medial. Ich bin lange nicht mehr so gespannt auf den Fortgang eines Vorhabens gewesen. Einen Eindruck von der Kraft der Hartlaubschen Bilder kann man sich übrigens von Anfang Juni an in einer Gruppenausstellung verschaffen, die vom 12. bis zum 29. Juni unter dem Titel „She doesn’t Live Here Anymore“ in der „Fabrik“ in Frankfurt-Sachsenhausen gezeigt werden wird (http://www.kultur-am-main.de/pdf/KulturFabrik.pdf). Dabei ist dann auch die Hamburgerin Line Hoven, eine meiner Lieblingscomiczeichnerinnen, die mit Schabkarton arbeitet, also auch aus dem Schwarz das Weiße freilegt. Der Vergleich beider Techniken wird faszinierend sein. Dann kann man wohl schon etwas besser erkennen, ob etwas  aus „2048“ wird. Und vor allem was daraus wird.

0