Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Indien im roten Rahmen

Ein Deutscher wagt sich in die Fremde, und die Fremde schließt ihn in die Arme: Sebastian Lörschers unglaublich komische und erstaunlich informative Reisereportage „Making Frieds in Bangalore“.

So sieht eine Sensation aus. Da kommt ein junger Zeichner, der bislang nur durch einen zugebenermaßen sehr witzigen kleinen Band aufgefallen ist („Muskulöse Zeichen“, von mir warm empfohlen: http://blogs.faz.net/comic/2013/05/28/muskelzuwachs-garantiert-365/), und publiziert eine Arbeit, die so klug und geistreich ist, wie man es in Deutschland trotz allen Fortschritten der hiesigen Comicszene doch nicht gewöhnt ist. Mit einem Satz: „Making Friends in Bangalore“ von Sebastian Lörscher ist ein Lesegenuss.

Und ein Augenschmaus, was angesichts des Themas nicht verwunderlich ist. Im Herbst 2011 verbrachte Lörscher einen Monat in Indien. Da sind bunte Farben garantiert, und vor allem das für Indien so typische Rot zieht sich wie ein – na ja, banal – roter Faden, nein, besser: roter Rahmen durch den Band. Der Buchschnitt ist rot, und vor allem das Skizzenbuch, das der Zeichner auf der Reise mit sich führte, ist rot. Rot war das Kleid der schönen Rucha, die den Deutschen mit auf eine Party nahm, rot das Hemd des Malers S.R. Vales, der behauptet, schon alle Prominenten der Welt porträtiert zu haben (und dann doch nur indische Lokalgrößen vorzuweisen hat, darunter einen Michael-Jackson-Doppelgänger).

Nun sind Rot und andere bunte Farben keine Gewähr für einen guten Comic. Den macht etwas anderes aus: Geschick beim Seitenarrangement und der Seitenarchitektur, Einfallsreichtum auch bei der Schilderung des Vertrauten, graphische Verdeutlichung bei der Schilderung des Fremden. In allen diesen Bereichen vergebe ich an Lörscher Höchstnoten, und das daraus auch noch ein zauberhaft schön gestaltetes Buch geworden ist, muss man neben ihm selbst auch der Büchergilde danken, die „Making Friends in Bangalore“ verlegt hat. So sieht es aus: http://www.sebastian-loerscher.de/making_friends.html.

Eines aber als Warnung vorweg: Der englische Titel ist keine modische Marotte, sondern alles, wirklich alle Dialoge im Buch werden auf Englisch geführt. Das ist Teil des Authentizitätsbestrebens von Lörscher, der sich in Bangalore nur in dieser Sprache unterhielt. Wobei man ihn selbst im Buch nie hört und kaum sieht. Zu hören sind allein die Menschen, die er trifft, und zu sehen ist das, was er selbst sah, und zwar konsequent aus seiner individuellen Perspektive. Wir sitzen faktisch hinter seinen Augenhöhlen, und nur bisweilen schieben sich die Arme des Zeichners ins Bild hinein, wenn er etwa gerade etwas in sein Skizzenbuch zeichnet, was ihm sofort Neugierige und also weitere Gesprächspartner beschert.

Dieser schöne optische Kniff führt allerdings auch zur einzigen graphischen Schwäche des Buchs. Bisweilen werden auf ganzen Seiten Reproduktionen aus dem Skizzenbuch abgedruckt, und zwar als veritable Faksimiles in Form von Reproduktionen des Buchs samt des am Rand sichtbaren roten Einbands. Das sieht toll aus, und mit diesen Einschüben grenzt Lörscher geschickt seine Episoden voneinander ab, die jeweils einem Protagonisten oder auch mal einer ganzen Gruppe gelten. Im Skizzenbuch ist alles tatsächlich skizzenhaft, in den Reportageelementen – denn darum handelt es sich – verwendet Lörscher dagegen einen cartoonartigeren, viel lebendigeren Stil. Und diese Lebendigkeit wird auch durch die gelegentlichen wortwörtlichen Eingriffe der Zeichner-Arme unterstützt. Doch zweimal zeichnet er solche Arme auch über die reproduzierten Skizzenheftseiten. Das ist ein bedauerlicher Kategorienbruch der ansonsten konsequenten Teilung der beiden Buchbestandteile – wenn auch der zweite Arm über einem Skizzenblatt eine besondere Information bereithält.

Aber das ist wirklich die einzige Schwäche eines famosen Buchs, das informativ, komisch und bisweilen gar dramatisch ist. Wobei das eine zum anderen führt: etwa ein Sturz des Deutschen in eines der zahllosen Straßenlöcher. Nach der Ohnmacht erwacht er im Krankenhaus, wo ihn das medizinische Personal („Indian doctors, best doctors in the world!“) mit der guten Nachricht überfällt, dass er sich gottlob nicht „die gute Hand“ verletzt habe. Das meint natürlich die rechte, weil die linke in Indien als unrein gilt, aber wir wissen, weil wir die Zeichenhand schon oft bei der Arbeit gesehen hat, dass Lörscher Linkshänder ist. Sehr komisch und zugleich sehr traurig. Übrigens widmet der gefallene Deutsche dann eine ganze Doppelseite nur den Straßenlöchern von Bangalore.

Denn das ist sein Comic auch: eine Sozialreportage ohne erhobenen Zeigefinger über eine Boomstadt mit mehr als acht Millionen Einwohnern, ein anderes Indien als das des Taj Mahal, ds Ganges oder der Kolonialarchitektur. Einen Monat nur war Lörscher wie gesagt in Bangalore, doch er hatte wunderbare Geschichten im Gepäck, die er in den nächsten beiden Jahren dann in die heutige Form brachte. Und am Schluss gibt es sogar noch einen handgeschriebenen Anhang, der – hier dann doch auf deutsch – noch einmal allgemeiner erklärt, was wir zuvor puzzleartig aus den Comicpassagen mit den indischen Gesprächspartnern zusammensetzen konnten. Das ist kein Misstrauen Lörschers gegenüber dem eigenen Schaffen, sondern eine Handreichung, die auch noch etliches enthält, was vorher nicht zur Sprache kam.

Und noch ein letztes Wort: So etwas Innovatives wie das Kapitel, in dem Lörscher jenen Porträtmaler S.R. Vales seinerseits porträtiert, ist mir selten begegnet. Unbedingt lesen!

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