Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Schlusspunkt voller Spaß und Traurigkeit

Mit „Donjon“ von Lewis Trondheim und Joann Sfar wird die ambitionierteste Fantasy-Comicserie zu Ende geführt. Statt großspurig angekündigten dreihundert Bänden wurden es 37, aber auch damit wurde Geschichte in mehrfacher Hinsicht geschrieben.

Ist das wirklich schon sechzehn Jahre her, dass in Frankreich der erste Band einer Serie namens „Donjon“ erschien? Egal, jetzt ist der letzte erschienen, der sechsunddreißigste (plus dem Zusatzband „Donjon Bonus“ mit Erläuterungen zu Figuren, Zeitebenen und vielem mehr). Das ist viel für sechzehn Jahre.

Und doch auch fast schon enttäuschend wenig, denn die beiden Autoren Lewis Trondheim und Joann Sfar, die anfangs auch noch die Bände zeichneten, genossen, als sie „Donjon“ gemeinsam begannen, den Ruf, die produktivsten Comickünstler zu sein. Zu den besten zählten sie sowieso; der 1964 geborene Trondheim hatte als Mitbegründer und ständiger Autor des Verlags „L’Association“ einen prägenden Einfluss auf die französische Comicentwicklung der Neunziger, der sieben Jahre jüngere Sfar galt als der wichtigste Protagonist dieser neuen Bande dessinée, die in Erzählweisen und Graphik gleichermaßen neue Wege beschritt. Befreundet waren beide eh, nun traten sie als Dreamteam an und verkündeten, dass „Donjon“ auf mehr als dreihundert Alben konzipiert sei.

Dazu unterteilten die die Reihe in mehrere Unterserien, die teilweise in der Zählung von -99 an loslegten, bisweilen auch erst bei Nummer 100 begannen, so dass man allein numerisch schon mit mindestens zweihundert Bänden zu rechnen hatte. Da das selbst für diese beiden Stoßarbeiter nicht zu schaffen war, engagierten sie ein rundes Dutzend befreundeter Zeichner, um ihre Szenarien umzusetzen, darunter große Stars wie Christophe Blain, Manu Larcenet, Stanislas, Killoffer, David B., Blutch, Yoann und sogar den Fantasy-Veteran Andreas.

Auch „Donjon“ ist Fantasy, aber im Stil eines Computerspiels. Diese Erzählweise mit ständigen Handlungshöhepunkten und vor allem vielen Kämpfen für den Comic nutzbar zu machen, war das erklärte Ziel von Trondheim und Sfar. Die verschiedenen Unterserien entsprechen verschiedenen Spiellevels, wobei es den beiden Autoren tatsächlich geglückt ist, immer einen inneren Zusammenhalt zu wahren und etliche Geschichten miteinander so zu verschränken, dass am Ende doch ein großer Erzählzusammenhang gewahrt bleibt. So konnte nun auch alles in zwei Abschlussbänden münden, die gleichzeitig erschienen sind und deren zweiter (Band 111 des Segements „Donjon Crépuscule“ – Donjon-Dämmerung) den Titel „La Foin du Donjon“ zu Recht trägt. Hier wird alles zu Ende gebracht.

Als ich ihn im Januar in Dresden traf, hatte Sfar das erläutert: Fünf Jahre lang hatten sie keine neuen „Donjon“-Aleben herausgebracht, aber das unabgeschlossene Projekt lag ihm und Trondheim auf der Seele, also setzte man sich noch einmal gemeinsam hin, wobei Sfar als dem schnelleren Schreiber die Ausarbeitung der Geschichte oblag, die über das geplante Einzelalbum hinaus zu einem Doppelband geriet. Längst hatte die grenzenlos scheinende Produktivität der beiden Autoren ihren Höhepunkt überschritten – Sfar hat mittlerweile drei Romane geschrieben und bereitet derzeit seinen dritten Film als Regisseur vor, Trondheim ist wieder bei „L’Association“ eingestiegen und experimentiert mit Comics im Netz und fürs Smartphone –, aber aktiver als die meisten Kollegen sind sie immer noch. Das beweisen auch die zwei neuen Alben.

Noch sind die beiden Bände nicht auf Deutsch erhältlich, aber da bisher fast alles übersetzt wurde, wird uns der Reprodukt Verlag auch auf den Abschluss nicht lange warten lassen. Zumal dieses Finale eines der ehrgeizigsten Comiczyklen überhaupt sehr geglückt ist. Zwar kamen statt der zum guten Schluss von mir erhofften Rückkehr von Sfar und Trondheim ans Zeichenbrett auch diesmal mit Alfred und Mazan zwei ständige Illustratoren der Serie zum Zug, doch sie hatten sich im Gegensatz zu den Zeichner-Gaststars dem markanten Stil der beiden Szenaristen unterworfen, so dass das Ganze nun ästhetisch so zu Ende geht, wie 1998 alles begonnen hat.

Mit Herbert und Marvin sind denn auch die beiden zentralen Protagonisten von „Donjon“ die wichtigsten Protagonisten des Finales. In „Haut Septentrion“, dem vorletzten Band, hat nur Marvin einen Auftritt; hier tragen noch andere im Laufe der Jahre prominent gewordene Figuren die Hauptlast der (Kampf-)Handlungen. Dafür liegt im letzten Album alles an Herbert, der die Eroberung der Welt des Donjon durch die „Schwarze Entität“ mittels einer Reise ins Totenreich zu verhindern hat. Dort findet er den titelgebenden Donjon (das französische Wort für einen Bergfried) noch intakt vor, während die Festung in der Gegenwart zerstört wurde. Das Glück Herberts, die Stätte seiner Kindheit wieder unversehrt zu sehen, wird in wunderbar melancholischer Weise durch die dort hausenden Toten konterkariert, die sich auf Sätze beschränken müssen, die sie als Lebende getan haben. Überhaupt spielt das Thema der Vergänglichkeit in „La Fin du Donjon“ eine wichtige Rolle. Damit knüpft die Serie an Sfars philosophisch angehauchte Serien wie „Die Katze des Rabbiners“ und „Klezmer“ an.

Nacherzählen, was geschieht, kann man nicht, denn die Schlachtexzesse mit durchaus drastischen Metzeleien gehorchen eben dem Übermaß der Computerspielästhetik (ein paar Beispielseiten: http://www.editions-delcourt.fr/catalogue/bd/donjon_crepuscule_111_la_fin_du_donjon). Logik ist denn auch nur da eine Kategorie der Handlung, wo es die Figurenentwicklung betrifft. Doch wie Trondheim und Sfar ihren Zyklus zu Ende führen, dass ist höchst souverän, zumal am Schluss nach all dem für diese Serie typischen Gerede zwei ganz stumme Seiten stehen, die nichts anderes zeigen, als den Verfall der Ruinen des Donjon im Verlauf der Zeit. Da hat dann auch Mazan seinen großen Auftritt als Zeichner, indem er sich einmal radikal beschränkt. Erstmals in der „Donjon“-Geschichte kommt das überdrehte Geschehen zum Stillstand.

Dass zuvor auf fast hundert Seiten in den beiden Abschlussbänden umso mehr passiert ist, vergisst man da fast. Da tauchen altvertraute, aber längst aus der Serie geschiedene Figuren wie der Wärter Hyazinth noch einmal auf (als alter Mann ein Comic-Selbstporträt Trondheims, als junger eines von Sfar), und es wird zugleich so rabiat gestorben wie selten zuvor. Das ist ein großer Spaß, der mit großer Traurigkeit durchsetzt ist. Und so sollte es zum Finale einer großen Serie ja auch sein.