Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Vier Stimmen liefern Bilder aus dem Ersten Weltkrieg

In einem französisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt werden Tagebuchaufzeichnungen von zwei Deutschen und zwei Franzosen zu einer beeindruckenden privaten Perspektive auf die Kriegszeit zusammengestellt.

Kürzlich erzählte mir Jens Harder, mit seinen Evolutionsbüchern „Alpha“ und „Beta“ einer der international namhaftesten deutschen Comic-Künstler, dass er von einem französischen Kollegen gefragt worden sei, was es denn in Deutschland für Comics über den Ersten Weltkrieg gebe. Eine nachvollziehbare Frage aus einem Land, dessen wichtigster lebender Comic-Künstler – Jacques Tardi – la Grande Guerre zum Mittelpunkt seines Werks gemacht hat, einem Land, in dem es sogar einen offiziell vom Staat geförderten Comiczyklus zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Esten Weltkriegs gibt, einem Land, in dem man Dutzende von weiteren Publikationen zum Thema aufzählen könnte, in dem die Regale mit Erster-Weltkrieg-Comics derzeit überquellen. In Deutschland dagegen, so teilte Jens Harder dem Bekannten mit, Fehlanzeige. Kein Comic über den Ersten Weltkrieg, der ihm bekannt wäre.

Mir war auch keiner bekannt. Doch am Tag danach traf prompt einer bei mir ein. „Tagebuch 14-18“ heißt er, und der Untertitel verrät, um was es sich handelt: „Vier Geschichten aus Deutschland und Frankreich“, und zwar auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen, die kurz vor und während des Kriegs entstanden sind. In Bilder umgesetzt hat sie ein deutsches Team, das dennoch grenzüberschreitend vereinnahmt werden kann, denn der Zeichner Jörg Mailliet (der erst kürzlich mit seinem Band „Le théorème de Karinthy“ – auf deutsch: „Gleisdreieck“ – an dieser Stelle gewürdigt wurde: http://blogs.faz.net/comic/2014/04/07/zeitreise-den-berliner-terrorismus-488/) hat auch die französische Staatsbürgerschaft und arbeitet in Frankreich. Ihm stand mit Alexander Hogh ein deutscher Historiker zur Seite, der die Kompilation der vier Tagebuch-Konvolute besorgte.

Das hat er sehr gut gemacht, obwohl die vier Diaristen nichts miteinander verbindet außer der Zeit, in der sie Tagebuch führten. Es handelt sich um einen französischen Jungen, der bei Kriegsausbruch erst fünf Jahre alt war, aber als Jugendlicher seine Erinnerungen daran notierte (also eigentlich kein Tagebuch, aber eine bemerkenswerte Quelle), um eine junge Deutsche von damals dreizehn Jahren und dann doch um zwei Soldaten, einen Deutschen und einen Franzosen. Alle werden sie den Krieg überleben.

Durch die Unterschiede in Alter, Geschlecht, Nationalität und auch sozialem Stand kommen vier Perspektiven zustande, die dennoch in der Kombination ein großes Panorama der schrittweisen Ernüchterung in den Kriegsjahren ergeben. Die jeweiligen Passagen wechseln sich immer wieder ab, und sie sind auch meist gleich lang, so dass es niemanden unter den Vieren gibt, der herausstäche. Und da alles von Mailliet gezeichnet wird, in einem modernen, etwas zu farbenfrohen Ligne-Claire-Stil, ist auch ästhetisch die Gleichgewichtung gewahrt (hier zu sehen: http://lebuveurdencre.fr/product.php?id_product=56, allerdings nur in französischer Fassung). Perspektivisch wird dagegen nichts bereinigt: Meist zum Abschluss einer Seite steht ein wörtlicher Auszug aus den jeweiligen Aufzeichnungen, so dass man auch die verschiedenen Stilebenen erkennen kann, die sich den unterschiedlichen Altern der Autoren verdankt.

Es ist also eine sehr lohnende Lektüre, zumal es ein umfangreiches Register im Anhang gibt, Material zu den Biographien der vier Protagonisten, und durch Historiker das Ganze auch noch essayistisch begleitet wird. Herausgeber sind pro forma die Zentralen für politische Bildung von Bund und Ländern, doch die ursprüngliche Idee stammt von zwei einer gebürtigen Französin, Julie Cazier, die heute als Politologin in Deutschland lebt, und dem deutschen Journalisten Martin Block. Mit dem Verlag Le beuveur d’encre, der dem Bruder von Cazier gehört, fand sich rasch eine französischer Hafen, in Deutschland gründete Julie Cazier kurzerhand einen eigenen Verlag, der nun in wörtlicher Übersetzung des brüderlichen Hauses „TintenTrinker“ heißt. Die Bildungszentralen bestellten dort eine Lizenzausgabe für ihre Aktivitäten.

In Frankreich fanden sich dann das Programm „Centenaire“ der dortigen Regierung und das Museum des Ersten Weltkriegs in Péronne als Partner. So erscheint das Buch in beiden Sprachen. Und das ist in der Tat das Wichtigste: dass solch ein Band jetzt in den zwei Ländern gleichzeitig erscheint, die sich vor hundert Jahren spinnefeind waren. Das hat „Tagebuch 14-18“ der ganzen Flut an rein französischen Publikationen voraus.