Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wenn der beste Freund zum Extremisten wird

Zwei Comics, ein Thema: Kann man dem besten Freund die Treue halten, wenn der immer gewalttätiger wird? „Lauter Leben!“ kann man als Album lesen, „Fahrradmod“ bislang nur im Netz.

Seit einigen Jahren vervollständigt der deutsche Zeichner Tobias Dahmen im Netz seinen auf mehr als vierhundert Seiten angelegten Comic „Fahrradmod“ (http://www.fahrradmod.de/), aus dem einmal ein große Graphic-Novel werden soll. Bereits erkennbar ist die wachsende Entfremdung zwischen dem stark autobiographisch geprägten Protagonisten des Comics und seinem besten Freund, der sich vom vielbewunderten Mod-Vorbild zum rechtslastigen Skinhead wandelt – ein starkes Thema, weil es die beiden moralischen Werte Freundschaft und Toleranz gegeneinander ausspielt.

Weil es so stark ist, steht es auch im Mittelpunkt des gerade beim Avant-Verlag erschienenen Albums „Lauter Leben!“. Das stammt aber nicht von Dahmen; er ist in gewisser Weise überholt worden. Geschrieben hat das Album der Belgier Nicolas Wouters, gezeichnet der Deutsche Mikael Ross, und erschienen ist die Geschichte ursprünglich beim französischen Verlag Editions Sarbacane. Auch hier geht es um eine Freundschaft, die böse endet: zwischen Thomas und Martin, die sich Anfang der achtziger Jahre in Brüssel als kleine Jungen kennenlernen und deren Wege sich bis zur Gegenwart immer wieder kreuzen, unter anderem entscheidend während der neunziger Jahre in Berlin (da ist Ross in seinem heimischen Element). Auch hier bewundert der eine den anderen, nur dass Martin in die Punkszene abdriftet.

Beiden Erzählungen ist gemeinsam, dass die bewunderten Jungs mehr und mehr in Extreme verfallen, die ihre beiden Freunde nicht mehr akzeptieren können. Beide werden übrigens auch als Rückblick aus der Jetztzeit erzählt – es ist verblüffend, wie weit die strukturellen Ähnlichkeiten gehen. Wouters und Ross allerdings führen Thomas, den eigentlichen Protagonisten, erst als Kind ein, ehe sie ihm dreißig Jahre später eine Ehekrise bescheren, die den Anlass bietet, sich noch einmal auf die Suche nach Martin zu begeben. Dahmens Alter Ego dagegen ist mit seiner eigenen Vergangenheit und Gegenwart durchaus im Reinen; es ist der Verlust des Freundes, der ihn beschäftigt. Und seine Geschichte spielt in der Provinz (Wesel), „Lauter Leben!“ dagegen in den Metropolen.

Graphisch sind beide Erzählprojekte diametral entgegengesetzt ausgerichtet. Dahmen wählt in Anknüpfung an Frank Margerin eine Spielart des in den achtziger Jahren prägenden Stils des französischen New-Wave-Comics, wie ihn später dann Dupuy & Berberian gezähmt und zur Vollendung gebracht haben. Das wirkt leider etwas antiquiert. Ross dagegen hat bei Gipi gelernt, wie man die Energie von Teenager-Jahren und Musik auf Comicseiten bringt (Beispielseiten hier: http://www.avant-verlag.de/comic/lauter_leben). Seine Farbgebung nimmt die Stimmungen der Figuren und Jahreszeiten auf. Es ist für deutsche Verhältnisse ein herausragendes Albendebüt des Zeichners. Inhaltlich dagegen ist die Geschichte absehbar; da hat Dahmen mehr zu bieten (bei zugegebenermaßen auch viermal mehr Umfang). Man darf hoffen, dass er irgendwann mal einen Verlag für seine „Fahrradmod“ findet.

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