Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Gespenstisch stiller Totentanz

Einer stirbt, und viele sind todunglücklich: Judith Vanistendael erzählt in „Als David seine Stimme verlor“ eindrucksvoll vom Leiden eines Kehlkopfkrebskranken.

David ist Mitte fünfzig, kein Alter zum Sterben. Doch gleich zu Anfang der Geschichte bekommt er einen schrecklichen Befund: Kehlkopfkrebs. Ein befreundeter Arzt will seine Kampfkraft wecken, doch die Bilder, mit denen Judith Vanistendael Davids Empfindungen bei der Nachricht illustriert, sprechen eine andere Sprache. Und recht bald wird klar, dass am Ende dieses Comics der Tod stehen wird.

Bis dahin dauert es aber 275 Seiten, und bis dahin lernen wir Davids Familie kennen. Die ist kompliziert, denn aus einer ersten Beziehung hat er eine erwachsene Tochter, Miriam, die genau in den Tagen, als David seine Diagnose empfängt, ein uneheliches Mädchen zur Welt bringt. Liiert ist David mit der siebzehn Jahre jüngeren Paula, gemeinsam haben sie wiederum eine achtjährige Tochter, Tamara. Vier Frauen unterschiedlichen Alters also umgeben den Sterbenden, von allen wird er geliebt, von allen allerdings auf ganz andere Weise. Und gewisse Rivalitäten gibt es auch.

Judith Vanistendael ist Belgierin, erzählt ihre Geschichten auf Flämisch und hat ihren neuen Band in Berlin angesiedelt. Warum, ist schwer zu begreifen, aus dem Schauplatz wird jedenfalls mit Ausnahme einiger Stimmungsbilder kein Gewinn gezogen. Und um einen Berliner Verlag zu finden (Reprodukt) bedarf es solcher Anbiederung gewiss auch nicht. Es ist eine private Geschichte, die universelle Gültigkeit besitzt, auch wenn solche Patchwork-Familien sicher nicht überall auf der Welt glaubwürdig angesiedelt sein könnten. Aber Berlin lenkt bei seinen wenigen „Auftritten“ im Comic eher ab von dem, um was es geht.

Das war bei Vanistendaels Debüt „Kafka für Afrikaner“ ganz anders. Auch das war eine höchst persönlich erzählte Geschichte, aber sie brauchte ihren klar definierten sozialen Rahmen, um von den Problemen zu berichten, die eine Freundschaft zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann auch heute noch für deren Umgebung bedeuten kann. In „Als David seine Stimme verlor“ bietet der behandelnde Arzt die einzige Außenperspektive, und selbst er ist ja mit dem Patienten gut bekannt. Dass schließlich dieses einzige Nicht-Familienmitglied das Dilemma zwischen David und den Seinen zu entscheiden hat, ist allerdings konsequent.

Denn Davids Töchter und seine Frau gedenken nicht, ihn gehen zu lassen. Jeweils ein Kapitel des Buchs ist aus ihren Einzelperspektiven erzählt, und erst danach versteht man ihre Handlungsweisen, die viel weniger egoistisch sind, als man zunächst meinen möchte. Hier ist Judith Vanistendael ganz in ihrem Element: Sie versetzt sich tief in ihre Protagonistinnen hinein und findet extrem starke Bilder für deren Wahrnehmungen der Situation – so etwa einen Totentanz, in den sich Miriam einbezogen sieht. Hier und in vielen anderen Sequenzen leistet Vanistendael etwas besonders Bemerkenswertes: Obwohl David seine Stimme noch hat, erzählt sie ihren Comic doch bereits weitgehend ohne Worte. Und man vermisst dabei nichts.

Allerdings bleibt das ohne Relevanz fürs Geschehen und seine Rezeption, denn mit dem produktiven Vericht auf Dialoge könnte ja auch eine Aussage auf der Metaebene über Davids Krankheit getroffen werden – dass er den drohenden Verlust seines Kehlkopfs doch kompensieren könnte, und zeitweise scheint es auch genauso zu sein. Doch dankenswerterweise steckt kein falscher Trost in diesem Comic. Man bekommt den Verlauf einer schweren Krebserkrankung so geschildert, wie es ist. Und es ist nicht tröstlich.

Daneben verfügt Vanistendael über ein beeindruckendes Repertoire an seitenarchitektonischen Effekten. So unterlegt sie etwa Seiten schwarz, lässt Bilder direkt aneinander grenzen, plötzlich nur noch eine Bildreihe oder gar nur ein einzelnes Bild auf eine Seite stehen, öffnet die Panels oder präsentiert zum Höhepunkt der Erzählung eine bloße Schwarzweiß-Skizze, während sonst alles in sorgsam den emotionalen Schwankungen der Protagonisten angepassten Farben gezeichnet wird.

Es ist also graphisch ein sehr anspruchsvoller Comic (eine Leseprobe: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/als-david-seine-stimme-verlor/), während inhaltlich nichts Außergewöhnliches passiert. Aber wozu auch, wenn es um ein Thema wie den Tod und damit das Außergewöhnliche per se geht? Judith Vanistendael bleibt als Erzählerin im Gegensatz zu ihren Protagonistinnen unaufgeregt, sie berichtet mit einem beinahe kalten Blick, der aber umso mehr ergreift und jene gelegentlichen Züge ins Surreale wie den Totentanz desto stärker wirken lässt. Insofern hat sie sich gegenüber „Kafka für Afrikaner“ deutlich gesteigert. Und wenn sie sich jetzt noch auf diese Stärken besinnt und so etwas wie die effekthascherische Ansiedelung in Berlin in Zukunft bleiben lässt, dann werden wir eine fulminante Comicautorin auf ihrem Weg begleiten dürfen.

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