Comic

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Ein Klassenzimmer voller Mörder

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Ein Manga macht mobil: Yusei Matsuis grotesker „Assassination Classroom“ zeigt eine Schülerschar im Kampf gegen einen außerirdischen Lehrer, der die Welt zerstören will.

Es ist nicht so, dass ich flächendeckend Manga läse, aber immer wieder tauchen aus der Flut von Übersetzungen ins Deutsche Titel auf, deren Themen einen geradezu zur Lektüre zwingen, weil es nichts mit der wilden Phantasie von Mangaka Vergleichbares auf der Welt gibt. Wer käme denn sonst auf den Gedanken, einer Schulklasse die Rettung der Welt aufzuerlegen? Dazu muss sie ihren Leser töten.

Mag sein, dass sich hinter der Geschichte von Yusei Matsui ein spätes Kompensationsbedürfnis des Zeichners betreffs seiner eigenen Lehrkräfte verbirgt. Wahrscheinlicher aber ist, dass der 1981 geborene Mangaka einfach dem scheinbar unstillbaren Bedürfnis des Publikums nach mordenden Teenagern entsprechen wollte, wie wir es seit „Battle Royal“ nicht nur aus Japan kennen. Nur dass Matsui auf die grandiose Idee kam, die Mordgelüste seiner Helden moralisch dadurch zu legitimieren, dass ihr Lehrer ein außerirdisches Monster ist, das am Ende des Schuljahrs die Welt zerstören wird. Den Mond hat es schon zerstückelt, deshalb nimmt die Menschheit die Sache ernst. Und hofft darauf, dass zwei Dutzend Neuntklässlern gelingt, was die gesammelte Militärkapazität des Erdballs nicht vermag.

Denn Korosensei, wie die Schüler ihren mit zahllosen Tentakeln und einer immer grinsenden Miene à la Smiley ausgestatteten Lehrer nennen (ein Wortspiel, das den japanischen Begriff für „nicht töten können“ mit dem für „Lehrer“ koppelt), verfügt nicht nur über immense destruktive Energie, sondern auch über die Fähigkeit, sich mit zwanzigfacher Schallgeschwindigkeit zu bewegen, weshalb er jedem Angriff ausweichen und seine Gegner ausschalten kann. Dass er die Klasse eines Gymnasiums unterrichtet, in der nur dessen schlechteste Schüler unterkommen, verdankt sich dem Vorschlag des außerirdischen Wesens selbst. Und deshalb beantwortet er die verzweifelten Anschläge auf sein Leben auch nur mit Spott, nicht mit Gegengewalt. In einem Jahr werde ja ohnehin alle Menschen von ihm ausgelöscht.

Die Konstellation ist also aberwitzig, aber das tat dem Erfolg von „Ansatsu Kyoshitsu“, wie der japanischen Originaltitel lautet, keinen Abbruch: Im Juli 2012 erschien der erste, genau zwei Jahre später der zehnte und letzte Band, die japanische Gesamtauflage geht in die Millionen, eine animierte Fernsehserie läuft seit einem Jahr, im Januar kommt ein Realfilm nach Matsuis Vorlage in Japan auf den Bildschirm. Und nun hat der Carlsen Verlag die deutsche Publikation des Manga begonnen.

Bis auf die Grundkonstellation bietet er allerdings keine Überraschungen, weder erzählerisch noch ästhetisch. Matsui ist ein eleganter Zeichner, der sich bei Effekten und Seitenarchitektur am Mainstream orientiert. Mit fortschreitender Handlung allerdings werden die Schauplätze sich ausweiten, wodurch die Graphik mehr gefordert wird. Und lustig ist der Kampf gegen das so freundlich wirkende diabolische Wesen allemal, gerade weil es so skurrile Sanktionen gegen die mordgierigen Schüler verhängt. Nur der Übersetzung merkt man wieder einmal an, dass etliche Wendungen nicht adäquat ins Deutsche zu bringen sind – aber das ist kein Spezifikum von „Assassination Classroom, sondern ein generelles Manga-Problem, das seinen Grund auch in den für westlich geschriebene Dialoge zu kleinen Sprechblasen hat.

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1 Lesermeinung

  1. Inpirierender Fehler
    Wenn am Ende des ersten Absatzes nicht der Lehrer, sondern der Leser zur Rettung der Welt das Zeitliche segnen soll, ist das einerseits eine amüsante Stilblüte, andererseits ein wirklich ungewöhnliches Sujet für einen interessanten Roman.
    Platthaus, übernehmen Sie!

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