Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Hitler und Hynkel

Alan Moore macht sich im jüngsten Spin-off seiner „League of Extraordinary Gentlemen“ einen Riesenspaß mit den Deutschen. Der dann ins äußerst Bittere umschlägt.

Die erste Seite eines amerikanischen Comics auf Deutsch? Natürlich, gern sogar, wenn der Autor Alan Moore ist, der Tausendsassa der Szenaristenzunft, gewaschen mit allen Wassern der Sprache und Erzähltheorie. Dass es dabei mit der Kommasetzung hapert, kann man vernachlässigen, denn die ganze Konzentration richtet sich eh aufs letzte Bild der Seite, das einen Mann zeigt, der in Comics nur dann aufzutauchen pflegt, wenn es nicht mehr komisch wird: Hitler.

Allerdings wurde er im zweiten Panel von „Roses of Berlin“, dem neuesten Moore-Opus bereits mit „Heil Hynkel“ begrüßt. Und zwei Bilder später ist von „Deutschland und Tomanien“ die Rede. Kinokenner wissen, was hier gemeint ist: In Charlie Chaplins 1940 gedrehtem Film „Der große Diktator“ trat der berühmteste Komiker der Welt in einer Doppelrolle auf: als namenloser jüdischer Friseur und als Adenoid Hynkel, Diktator von Tomanien. Dass das nach Germanien klang und Chaplin genau wie Hitler aussah (dem der Filmstar ohnehin vorwarf, das markante Bärtchen nach seinem, Chaplins, Vorbild gewählt zu haben), machte die Satire überdeutlich. Alan Moore nimmt sie nun ernst: Tomanien und Germanien machen gemeinsame Sache, und in Berlin weht nicht das Hakenkreuz, sondern das tomanische Wappen: zwei schräggestellte Eiserne Kreuze. Ach ja: Und Hynkel sieht bei seinem zweiten Auftritt mit einer lockeren Haarsträhne im ondulierten Haar genau aus wie Chaplin im richtigen Leben.

Wenn es eine Comicserie gibt, die sich einen derart frisch-frivolen Umgang mit Politik und Kulturgeschichte leisten kann, dann ist es die „League of Extraordinary Gentlemen“, die Moore 1999 erfand und von Kevin O’Neill kongenial zeichnen lässt. Kongenial deshalb, weil O’Neill in seine detailüberreichen Bilder zahllose visuelle Anspielungen einfließen lässt, die den Kosmos von Moores Szenarien noch erweitern. Der neueste Band – zweiter Teil des Spin-offs „Nemo“, das sich den Nachfolgerinnen von Kapitän Nemo widmet, der noch zu den Ur-Gentlemen gehörte, aber wie etliche von diesen im Laufe der Erzählung getötet wurde – spielt 1941, also  mitten im Krieg. Die „Nautilus“ kämpft natürlich auf englischer Seite gegen die Deutschen/Tomanier, doch Hira, die junge Tochter der Kapitänin Nemo (vulgo Janni, ihrerseits Tochter des echten Nemo), ist gemeinsam mit ihrem französischen Gatten in einem Luftschiff abgeschossen worden und wird vermisst. Die Kapitänin macht sich mit ihrem Geliebten, dem Bootsmann Arrow Jack, der auch Hiras Vater ist, auf die Suche. In deren Mittelpunkt steht Berlin, das erstaunlicherweise via Elbe mit der Nautilus zu erreichen sein soll.

Aber in „Roses of Berlin“ ist eben alles Mythos und Mimikry. Das Zentrum der deutschen Machtpolitik wird von O’Neill wie eine Filmkulisse gezeichnet: in riesigen Totalen wie aus Fritz Langs „Metropolis“, und mit verwinkelten Ecken wie im expressionistischen Kino (http://www.topshelfcomix.com/catalog/nemo-the-roses-of-berlin/875). Die Doktoren Caligari und. Mabuse stehen im Dienst von Hynkels Regime, und seine Garde einer Zombie-Wehrmacht (Schlafsoldaten) wird angeführt von der Roboterfrau aus „Metropolis“, die sich als dämonisch-mechanische Gegnerin erweist. Da zudem noch eine weibliche Nemesis von Kapitänin Nemo aus Teil 1 des Spin-offs an der Seite Hynkels auftaucht, hat man eine fulminante Opponentinnenschar beisammen. Moore hatte schon immer ein Faible für starke Frauen.

Es macht einen Heidenspaß, alles zu entschlüsseln, was er und O’Neill da kombinieren und collagieren, und natürlich doppelt, weil es sich meistenteils um deutsches Kulturerbe, wenn auch mehr oder weniger erfreulicher Provenienz handelt. Doch dann macht Moore wieder einmal das, was er noch nie gescheut hat: Er lässt eine seiner Figuren sterben, natürlich eine der dem Publikum liebsten, und der Comic kippt vom Schwarzen Humor ins Nachtschwarze. Dass darüber das Spektakel nicht zu kurz kommt, ist klar: Moore war auch schon immer ein Vertreter der Ansicht, dass Rache ein Gericht ist, das am besten möglichst feurig genossen wird.

Zum Abschluss bietet der Band den üblichen umfangreichen Textteil, der diesmal im Bericht einer Gesellschaftsreporterin besteht, die Jannis siebzigsten Geburtstag besucht hat. Das greift zeitlich weit über die zuvor erzählte Kriegsgeschichte hinaus und bietet wie immer etliche Versatzstücke, die in späteren „League“-Bänden wichtig werden könnten (es aber nicht müssen). Dieses Rezept kennt man, und auch sonst bietet „Roses of Berlin“ nichts Neues. Aber ein Lesevergnügen. Und das ist mehr, als mir die meisten Bücher garantieren.

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