Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Planwirtschaftsversagen beim Fall der Mauer

Am 10. November 1989 fuhr ich mit einem Freund von Köln nach Frankfurt am Main. Natürlich war die Öffnung der Berliner Mauer am Vorabend Hauptgesprächsthema (obwohl mich die Nachricht bei einem Geburtstagsfest in einer dunklen Aachener Souterrainwohnung erreicht hatte, in der wir dann zwar im Fernsehen die Bilder verfolgten, aber die Festivität nicht einfach zugunsten der  Weltgeschichte umwidmen lassen wollten). Wir beide hatten gemeinsam eine Banklehre hinter uns gebracht, also erörterten wir die Möglichkeiten, aus der Sache Kapital zu schlagen: Die Mauer auf- und dann in kleinen Portionen als Andenken verkaufen, das war unser Plan. Aber die Idee hatten zweifellos viele, und wir haben sie nicht weiterverfolgt.

Diese Überlegung zeigt jedoch, dass wir schon einen Tag nach dem völlig überraschenden Öffnungsbeschluss von dessen Unumkehrbarkeit ausgingen und nicht damit rechneten, dass es für die DDR noch irgendetwas zu verteidigen gäbe. Wie man mittlerweile weiß, war das falsch. Egon Krenz hatte an jenem Freitag, dem 10. November, die NVA in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Dazu gehörte auch ein standardisierter Angriffsplan auf West-Berlin, für den spezielle Durchbrüche in der Mauer vorgesehen waren, um die Panzer einzusetzen. Die Öffnung hätte sich also auch als Beginn eines militärischen Abenteuers erweisen können, an dessen Ende ein Weltkrieg wahrscheinlich gewesen wäre. Warum es nicht so kam, weiß man in diesem Falle heute noch ebenso wenig wie in dem des geheimen Internierungsplans des Stasi-Chefs Erich Mielke, der kurz vorher noch 85000 unliebsame DDR-Bürger festnehmen und in Lager bringen lassen wollte.

Es waren wohl einfach zu viele geworden, um solche Maßnahmen erfolgreich durchzuführen. Als Mielke seine Idee ausheckte, marschierten auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig schon mehr als 85000. Diese Zahl an Inhaftierten aber sollte nach Mielkes Überzeugung für die ganze DDR ausreichen – wieder einmal Planwirtschaft mit wenig Realitätsbezug. Und am 10. November strömten dann zu viele Menschen in Berlin an die Grenzübergänge, als dass man ohne Blutbad hätte Panzer rollen lassen können. Zivilisten als Hindernis waren im militärischen Standardplan zur Besetzung West-Berlins nicht vorgesehen.

Von diesen und anderen Ungereimtheiten im Berliner Herbst 1989 erzählt ein genau zum Jubiläum erschienener Comic namens „Treibsand“. Gezeichnet hat ihn Kitty Kahane, geschrieben wurde er von Max Mönch und Alexander Lahl, alle drei Berliner, die zwei Szenaristen aber wohl zu jung, als dass sie das Geschehen vor 25 Jahren schon aufmerksam hätten verfolgen können. Wem die drei Namen schon etwas sagen, der erinnert sich wohl an den im vergangenen Jahr erschienenen Comic „17. Juni“, der das Trio erstmals vereinte (damals noch erweitert um einen dritten Szenaristen, Tim Köhler, der diesmal immerhin noch in der Danksagung auftaucht). Gefördert wurde dieses Debüt um einen einzelnen Protagonisten des Volksaufstands von 1953 von der Brandenburger Landeszentrale für Politische Bildung. Bei dem neuen Comic ist nun keine Institution mehr finanziell beteiligt. Das ist ein gutes Zeichen: Offenbar traut der Metrolit Verlag, der auch „17 Juni“ herausbrachte, der zweiten Arbeit des Trios zu, aus eigener Kraft die Kosten einzuspielen.

Und in der Tat sollte man ihn kaufen und lesen, denn er ist sehr informativ und dabei auch noch klug erzählt. Protagonist ist der amerikanische Journalist Tom Sandman, der für eine Zeitung arbeitet, die von einem Kommunistenfresser geleitet wird. Im Frühjahr 1989 sollte Sandman auf dessen Geheiß schon in Peking den ersten fallenden Dominostein zum Kollaps des Ostblocks beobachten, doch die Erwartungen des Chefredakteurs erfüllten sich nicht. Im Herbst wird Sandman deshalb nach West-Berlin geschickt, wo ihn die vor Jahren aus ostdeutscher Haft freigekaufte verurteilte Republikflüchtige Ingrid Bärwolf als Informantin erwartet. Beide verlieben sich ineinander, und Sandman lernt auf zahlreichen Einzelbesuchen in Ost-Berlin die DDR kennen.

Der dank des journalistisch erfahrenen Protagonisten nicht naive, aber doch ungläubige Blick von außen verschafft „Treibsand“ eine reizvolle Erzählprämisse. Zumal immer wieder erklärende Informationen oder Zusammenfassungen auf Notizzetteln in die Handlung eingebaut sind – bis hin zu einem neunseitigen Anhang, der als Notizbuch gezeichnet ist, in dem dann noch einmal die wichtigsten Phänomene des zuvor erzählten Stoffs erläutert werden. So erweist sich die Wahl eines Reporters als ideale, weil zwanglose Voraussetzung für einen durchaus auch didaktisch gedachten Comic. Mönch und Lahl haben da ein grandioses Konzept ersonnen.

Seltsam nur, dass sie eines einzelnen (gewiss reizvollen, aber keinesfalls entscheidenden) Gags wegen just diese Prämisse zum Finale am 9. und 10. November opfern. Sandman, dessen Namen sich der Titel des Comics wohl eher verdankt als der recht bemühten Erwähnung von Treibsand als Metapher für die Entwicklung in der DDR in einem seiner Artikel, hegt den Aberglauben, dass immer dann weltumstürzende Ereignisse anstehen, wenn er Zahnschmerzen hat. Die erleidet er tatsächlich dauernd während des Berlin-Aufenthalts, und da er keine Zeit zum Arztbesuch hat, wird es immer schlimmer, bis er asgerechnet während der berühmten Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski mehr oder minder aus Versehen die Öffnung der Mauer bekanntgab, kollabiert. Fortan erlebt Sandman nichts mehr direkt mit, weil er im Krankenhaus liegt, aber wieder erweist sich sein Name als Omen: In regelmäßig eingestreuten Träumen, die er akribisch notiert, wird die Entwicklung der Lage kommentiert. Allerdings sind die Fakten, die den Hauptteil des Comicgeschehens ausmachen, fortan nicht mehr durch seine Beobachtung erzählerisch beglaubigt.

So gibt es einen Bruch in der Fiktion, und „Treibsand“ wandelt sich dadurch mehr als nötig zum Sachcomic. Kitty Kahanes bewusst krude gehaltene Art brut als Zeichnerin (leider keine Leseprobe unter http://www.metrolit.de/programm/graphic-novel/treibsand) gleicht das jedoch mehr als nur aus. Ihre schwungvoll-assoziativen Bilder, die nicht selten auch Schemazeichnungen oder Ortspläne bieten, sind extrem passend, weil sie ein bisschen wie Kinderblicke auf die Situation wirken. Damit kommt der eigene Erfahrungshorizont des jungen Szenaristenduos doch noch unangestrengt zu seinem Recht.

Und man lernt so viel aus dieser subjektiven Schilderung. Vor allem, mit was für einem Glücksfall man es am 10. November zu tun hatte. Oder auch, dass die erfolgreichste Grupp von Flüchtlingen sich aus den Grenztruppen selbst rekrutierte, denn die wussten ja, wo die Schwächen im System lagen. Andererseits gibt es auch die unglaubliche Geschichte von zwei Grenzsoldaten, die nur zum Spaß mal in den Westen gingen und auf dem Rückweg ins Minenfeld gerieten. Wie das ausging, muss man selbst nachlesen, und ich habe bewusst nicht nachgeprüft, ob die Sache wahr ist. Aber fürchten muss man es angesichts des Wahnsinns, der 28 Jahre lang an der deutsch-deutschen Grenze herrschte, schon. Dagegen sind die letzten Tage der Mauer geradezu hochvernünftig abgelaufen, weil sich die Verteidiger irgendwann ins scheinbar Unvermeidliche geschickt haben. Von diesem Witz des Weltgeistes erzählt „Treibsand“.

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