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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

China baut einfach Zürich nach

Wenn das Resultat so aussieht, dann mögen bitte noch ganz viele Crowdfunding-Projekte für Comicpublikationen gelingen! Matthias Gnehms Album „Die kopierte Stadt“ ist ein wunderschöner Band geworden, und erzählt wird auch noch gut. Dass es allerdings dem hochtalentierten Zürcher Zeichner nicht möglich scheint, ohne finanziellen Beistand von Sympathisanten seiner Kunst bei einem Verlag unterzukommen, muss bedenklich stimmen. Denn viele kluge Comicautoren seiner Art haben wir im deutschen Sprachraum nicht.

Mit „Die kopierte Stadt“ begibt sich der ausgebildete Architekt einmal mehr auf sein ureigenes Feld. Die Grundkonstellation ist ebenso spektakulär wie nachvollziehbar: In Südchina errichtet ein dortiger Oligarch eine Retortensiedlung und baut dazu die komplette Stadt Zürich nach. Als Planer holt er sich Beistand aus der Schweiz: den Architektenstar Hans Romer, der sich wiederum an einen alten Studienfreund erinnert, Leo Lander, den Protagonisten des Comics. Wir begleiten Lander auf dem Flug nach China und werden mit ihm eingeführt in die seltsame Welt eines entfesselten Kapitalismus in einem pseudosozialistischen System. Und in die entsprechenden Intrigen.

Die drehen sich um dieselbe Frage, die schon der Nachbau von Zürich aufwirft: Was ist echt? Und was für einen Reiz hat das Echte überhaupt? Man könnte „Die kopierte Stadt“ auch einen Thesencomic nennen, aber das würde ihm nur intellektuell gerecht. Verpackt sind Gnehms Überlegungen zum Verhältnis von Authentischem und Reproduziertem in eine klug verwickelte Handlung und atemraubend schöne Zeichnungen in Pastellkreide, die ihr Vorbild in dem französischen Zeichnerstar Blutch haben (Leseprobe unter http://www.hochparterre.ch/publikationen/editionhochparterre/neuerscheinungen/shop/artikel/detail/die-kopierte-stadt-erscheint-am-12-november-2014/).

Erzählt wird im Rückblick, und man könnte das für manieriert halten, wenn Gnehm nicht für den Schluss, der siebzehn Jahren nach den geschilderten Ereignissen angesiedelt ist, eine bitterböse Pointe parat hätte. Das ist ein Finale, das noch einmal bestätigt, was man die ganze Zeit schon dachte, aber nicht so einfach einzuräumen bereit war, ehe das letzte Bedenken durch diese konsequente Wendung ausgeräumt wurde: dass Gnehm gerade narrativ zu den Großen seines Metiers gehört. Damit erfüllt sich die Erwartung, die er mit dem auch schon höchst beachtlichen Vorgängerband Die ewige Porträtgalerie“ aufgebaut hatte (http://blogs.faz.net/comic/2013/06/17/das-neue-ewigkeitsmodell-370/). Zeichnerisch war da schon alles perfekt; allein die Geschichte ließ noch ein paar Wünsche offen. Das sind mit „Die kopierte Stadt“ nun alle erfüllt.

Die Publikation im Zürcher Architekturverlag Edition Hochparterre (Zürich) schließt einen Kreis für den Autor. Denn vor sechzehn Jahren erschien dort schon sein Debütcomic „Paul Corks Geschmack“. Wer sehen will, welche Entwicklungen ein Zeichner machen kann, der vergleiche beide Bände. Nicht, dass „Paul Cork“ schlecht gewesen wäre, aber „Die kopierte Stadt“ gehört nun zum Besten. Zeit, dass es das deutsche Publikum merkt. Und die Verlage dürfen da gern mittun.

 

 

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