Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Als man den Vater von „Vater & Sohn“ in den Tod trieb

Als ich irgendwann im abgelaufenen Jahr nachts über einem Aufsatz zu e.o.plauen saß, lenkte ich mich mit einer E-Mail an eine Freundin in Neuseeland ab. Sie fragte zurück, was mich zu dieser tageswachen neuseeländischen Zeit noch arbeiten ließe, und ich schrieb es ihr. Sie kannte e.o.plauen nicht, doch als ich ihr ein paar Bilder aus „Vater & Sohn“ schickte, war sie begeistert und meinte, man sehe den Zeichnungen die Menschenfreundlichkeit ihres Schöpfers an. Da wusste sie noch nicht, wann Erich Ohser alias e.o.plauen gezeichnet hat und wie er gestorben ist.

Aber sie hatte ja recht: Ohsers „Vater & Sohn“ ist ungeachtet dessen, dass er von 1934 bis 1937 erschien, also im nationalsozialistischen Deutschland, der Inbegriff eines humanistischen Comics. Der allerdings den Nazis durchaus gefiel, so gut, dass Goebbels persönlich den Künstler im Jahr 1940 als Karikaturisten in sein Renommierblatt „Das Reich“ holte, nachdem er es dem 1903 geborenen Ohser schon 1934 ermöglicht hatte, überhaupt wieder als humoristischer Zeichner zu arbeiten, obwohl der in der Weimarer Republik als scharfer Gegner des Nationalsozialismus  aufgefallen war. 1944 jedoch war der künstlerische Kredit beim Propagandaminister  aufgebraucht: Als Ohser vor dem Volksgerichtshof in Berlin der Wehrkraftzersetzung angeklagt wurde, weil er angeblich die NS-Führung geschmäht hatte, setzte Goebbels persönlich den Blutrichter Roland Freisler für die Verhandlung an und stimmte sich vorab mit diesem über das Todesurteil ab. Der verzweifelte Ohser brachte sich in der letzten Nacht der Untersuchungshaft in der Zelle um.

Es ist eine grässliche Episode der Comicgeschichtsschreibung, auch wenn das schlimme Schicksal Ohsers nach dem Krieg dazu beigetragen hat, dass seine Figuren weltberühmt wurden. Aber das war sein Leben nicht wert und „Vater & Sohn“ als Serie allemal gut genug, um sie vor dem völligen Vergessen zu bewahren. Zumal die meisten Episoden wortlos waren, was ihre internationale Verbreitung natürlich begünstigte. Auch die neuseeländische Freundin hatte ja sofort einen Zugang zu dem deutschen Comic.

Nach seinem Freitod wurde Ohsers Leiche seiner Witwe übergeben – die Überreste seines Mitangeklagten Erich Knauf, der verurteilt und hingerichtet wurde, sind auf Anordnung des Gerichts an unbekanntem Ort verstreut worden; dieses Regime war perfide bis zum Letzten – und in seiner sächsischen Heimatstadt Plauen, nach der er auch sein Pseudonym gewählt hatte, bestattet. Doch Frau und Sohn blieben nach 1945 erst in Westdeutschland und gingen dann nach Amerika, weshalb Ohsers Grab nahezu vergessen wurde. Erst nach 1989 besann sich die Stadt wieder auf ihren prominenten Bürger, und auch die Nachfahren nahmen aus den Vereinigten Staaten Kontakt zur früheren Heimat Erich Ohsers auf. So kam dessen Nachlass spät, aber doch noch nach Deutschland, nicht zuletzt dank der Mithilfe etlicher Sponsoren der öffentliche Hand.

Eine lange Einleitung, die aber nötig ist, um zu verstehen, was das Besondere an einem Buch ist, dass die Kunsthistorikerin Elke Schulze jetzt veröffentlicht hat. „Erich Ohser alias e.o.plauen – Ein deutsches Künstlerschicksal“ (Südverlag, Konstanz) ist zwar mit 144 Seiten schmal, aber es beruht auf den Beständen des Nachlasses, weil Elke Schulze die Leiterin des Erich-Ohser-Hauses in Plauen ist. Dort habe ich sie kennengelernt, denn ich wiederum gehöre dem Wissenschaftlichen Beirat der e.o.plauen-Stiftung an, die sich um den Nachlass kümmert. Die Bestände schreien danach, konsequent ausgewertet zu werden, und Elke Schulze macht das mittlerweile mit halbjährlich wechselnden Ausstellungen in der Galerie genauso wie nun mit ihrem Buch.

Darin kann sie naturgemäß viel Unbekanntes zeigen und vor allem auch Archiv und Korrespondenz des Künstlers – soweit erhalten – auswerten. Daraus sind keine spektakulär neuen Erkenntnisse erwachsen, aber das Buch ist gut erzählt und gerade seines knappen Umfangs wegen geschickt konzentriert. Was man über Erich Ohser wissen muss, ist hier nachzulesen (ein Eindruck unter http://issuu.com/suedverlag/docs/ohser_biografie-zum-blaettern2/0).

Der traurige Höhepunkt der Schilderung ist natürlich die Zeit von Verhaftung, Verhören und Suizid, Ende März und Anfang April 1944. Denunziation und Manipulation werden überdeutlich, obwohl kein Zweifel daran besteht, dass Ohser mit den Nazis nichts anfangen konnte, auch wenn er für sie arbeitete. Eine Tragik seines Lebens bestand darin, dass er mangels Fremdsprachenkenntnissen nicht an Emigration denken mochte. Zudem liebte er sein Land, was wiederum zu panischer Angst vor den Russen führte und Ohser leider seine Aufgabe als politischer Karikaturist ernster (und damit auch brillanter) nehmen ließ, als man es sich für NS-Blätter wünschte. Diese Meisterschaft im Dienst des Bösen spielt bei Schulze keine große Rolle.

Wer aber ein zentrales Kapitel der Comic-Historiographie klug und prägnant präsentiert bekommen möchte, der greife zu diesem Buch. Zeitgeschichte steckt darüber hinaus sowieso reichhaltig mit drin. Hoffentlich wird es mal ins Englische übersetzt, das sollte jemand in Neuseeland freuen.

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