Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Schimmel über Berlin

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Ist es gestattet, einmal ein guilty pleasure vorzustellen, eine jener meist verschwiegenen Vorlieben, die sich nicht mit den Erwartungen decken, die Leser an meine Lektüren haben könnten? Ja, wenn das einmal geduldet sein soll, so möge diese Offenbarung dem Berliner Zeichner OL gelten, und speziell seiner Cartoonserie „Cosmoprolet“, die seit 2006 im zweiwöchentlich erscheinenden Stadtmagazin „tip“ erscheint.

Glücklicherweise gibt es beim Lappan Verlag mittlerweile schon zwei schöne querformatige Sammelbände mit den einzelnen Folgen, denn im Kontext lesen sich die jeweils aus nur einem Bild bestehenden Episoden noch besser (wer sich mal etwas davon ansehen will, muss einen Umweg gehen: über OLs eigene Website, auf der er Originale zum Kauf anbietet: http://shop.ol-cartoon.de/Originale-oxid/. Da sind auch „Cosmoprolet“-Folgen dabei, und nur hier kann man sie sich durch Anklicken schön groß darstellen lassen). Der zweite ist gerade erschienen, und er sollte nicht nur für mich Pflichtlektüre sein.

Worum geht es? Um Berlin und um Cosmoprolet, einen meist stummen Mann im klassischen Superheldenkostüm – blauer Anzug, roter Umhang, Augenmaske –, der auf jedem Bild auftaucht (manchmal relativ schwer zu identifizieren, aber das macht den Reiz aus), jedoch nur selten das Geschehen bestimmt. Dieser Superheld ohne erkennbare Superkraft ist vielmehr eine Art Flaneur, und den größten Einfluss auf OLs Szenen hat er als Gesprächspartner anderer Figuren, die dem armen Mann ein Ohr abkauen.

Was also bestenfalls mittelgründig als Superhelden-Comic-Strip gelten, ist vorder- wie hintergründig ein Berlin-Cartoon. Denn der gebürtige Berliner OL nimmt die Stadt nicht nur als Dekor (in extrem akribisch gezeichneten Szenerien, die man alle in der Wirklichkeit wiederfinden kann, wenn man das wollte), sondern auch als Akteur – in Form ihrer Bewohner. Hier bekommen die Berliner freien Auslauf in ihrer Wurschtigkeit, ihrem Witz, ihrer Wichtigkeit und ihrer Widerborstigkeit. Und so manches Hauptstadt- oder Metropolenspezifikum wird hier gesondert veralbert, so etwa die zahlreichen Dreharbeiten in der Stadt oder die Demonstrationsvielfalt. Oder auch der Niedergang von Hertha BSC, ein Gag, den man leider jedes Jahr mit neuer Aktualität abdrucken könnte.

Was diesen Olaf Schwarzbach (wie OL bürgerlich heißt) auszeichnet, ist seine Zeichnungskunst. Früher, in den Neunzigern, als er berühmt wurde, hatte er grandios verzerrte Protagonisten, die das Proletentum in jeder Hinsicht kultivierten: in Aussehen, Verhalten, Wortwahl. Mit seinen jüngeren gezeichneten Berlinsatiren, zu denen neben „Cosmoprolet“ auch „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ gehören (letztere in der „Berliner Zeitung“), hat er sich aber ein Feld als Stadtchronist erschlossen, auf dem er sich graphisch milde tummelt. Seine Figuren haben den simplen Strich eines Bosc oder noch passender Avril (vor allem in Kombination mit der Begeisterung für den Stadtraum), und gleichzeitig hat er sich doch die Drastik zumindest im Humor bewahrt. Und in der Bosheit, mit der er uns uns, wenn denn die Wahl dazu besteht, gewiss nicht das himmlische, sondern das schimmelige Berlin präsentiert.

Ich merke gerade: Bei OLs „Cosmoprolet“ handelt es sich gar nicht um ein guilty pleasure. Sondern um ein reines Vergnügen, auf das wir stolz sein können: dass es so etwas Witziges gibt.

 

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2 Lesermeinungen

  1. Berlin verstehen
    Wer das Berlin unserer Zeit mit seiner ganzen Widersprüchlichkeit verstehen will, der muss zu Ol greifen.

    Aus der Erinnerung:
    Neulich auf dem Bio-Wochenmarkt:
    „Ham so ooch wat veganet zum Eisbeen?“

  2. Berlin verstehen
    Wer auch nur ansatzweise das Berlin unserer Zeit verstehen will, der kommt an Ol nicht vorbei.

    Neulich auf dem Bio-Wochenmarkt:
    „Ham so ooch wat veganet zum Eisbein…“
    Oder son ähnlich. Da ist alles drin.

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