Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Lieben Sie Mendelssohns?

Wer den Namen Mendelssohn hört, der denkt an Moses und Felix, vielleicht noch an Fanny, die Schwester des Letzteren, eine gleichfalls sehr begabte Komponistin. Doch das reicht nicht, denn die Familie Mendelssohn ist überreich an bedeutenden Persönlichkeiten gewesen, und gerade die aus der zweiten Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit sind unserer Beachtung besonders wert.

Vor zehn Jahren bekam man als Comicleser einen Vorgeschmack davon, als Elke Steiner einen schmalen Band mit dem Titel „Die anderen Mendelssohns“ herausbrachte. Ihr Gegenstand: Dorothea Schlegel, die berühmte Romantikerin, die aber auch Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn war, und Arnold Mendelssohn, ein Enkel von Moses und Cousin von Felix Mendelssohn Bartholdy. Beide einte, dass sie im Widerstreit mit der Gesellschaft standen, Dorothea als emanzipierte Frau, die zwischen zwei Männern und damit quer zur Moralvorstellung ihrer Zeit stand, Arnold als politischer Kopf, der in Preußen keine Zukunft mehr sah. Auf nur fünfzig Seiten erzählte Elke Steiner nach einer Idee des Publizisten Thomas Lackmann diese beiden Lebensläufe. Anders als kursorisch konnte das nicht werden.

Nun ist ein weiterer Comic aus ihrer Feder über einen unbekannten Mendelssohn erschienen, und für diesen Karl Mendelssohn Bartholdy , den ältesten Sohn von Felix, hat sie sich diesmal gleich 125 Seiten Platz genommen. Ein Segen, dass dieses faszinierende Leben sie von dem bereits 2004 angekündigten Plan abbrachte, wieder mehrere Personen in einem Band zusammenzufassen; damals war neben Karls Schicksal auch noch das von Eleonora und Francesco von Mendelssohn angekündigt, den Ur-Urenkeln von Moses aus der Linie des geadelten Enkels Franz, eines Bankiers. Damit hätte die Geschichte bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt werden müssen, während Karl Mendelssohn Bartholdy schon 1897 starb, nachdem er mehr als zwanzig Jahre lang als geistig Gestörter in einer Schweizer Anstalt behandelt worden war. Da waren Eleonora und Fancesco noch nicht einmal geboren.

Was ein Glück also, dass Elke Steiner sich anders besonnen hat und nun eine auf einen einzigen Protagonisten konzentrierte Darstellung liefert. Wobei immer noch mehr als genug um ihn herum erzählt werden muss. Vom frühen Tod seiner Eltern etwa, wozu es notwendig ist, die rastlose Lebensführung des damaligen Komponistenstars Felix Mendelssohn Bartholdys zu schildern, der in Berlin und Leipzig wirken, aber in Frankfurt am Main leben wollte – vor dem Bau von entsprechenden Eisenbahnverbindungen. Oder die Karriere seines jüngeren Bruders Paul, der später Mitgründer und Generaldirektor der Agfa werden sollte. Er ist der eigentliche Erzähler von Elke Steiners Buch, denn das schildert die Reise der beiden Brüder Karl und Paul im Jahr 1874 ins schweizerische Königsfelden, wo man Heilung für den depressiven Karl suchte. In ihrer Begleitung ist der Krankenpfleger Thiel, dem Paul Mendelssohn Bartholdy auf der tagelangen Fahrt die Vorgeschichte der Krankheit seines Bruders erzählt.

Das ist ein sehr konventioneller literarischer Trick, der jedoch den Vorzug hat, die extrem persönliche Perspektive zu beglaubigen und doch auch immer wieder zu relativieren, indem Elke Steiner die Farbe von Blaugrau zu Schwarz wechseln lässt, was den Wiedereintritt in  die erzählte Gegenwart signalisiert. Zudem wird mit Thiel eine auf den ersten Blick unauffällige Figur etabliert, die aber als wichtiges Korrektiv zur einseitigen Meinung von Paul dient und Karls Partei einnimmt. Plötzlich wird dieser „andere Mendelssohn“ wiederum anders gesehen, nämlich nicht als gescheiterte Geistesgröße, sondern als immer noch respektabler Mensch. Dadurch bekommt der Begriff Emanzipation, der in so vielfältiger Weise mit der Geschichte dieser deutschjüdisch-protestantischen Familie verbunden ist, eine neue Dimension.

Zeichnerisch hat sich Elke Steiner in mehr als zehn Jahren kaum weiterentwickelt (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/die-anderen-mendelssohns-karl-mendelssohn-bartholdy/). Immer noch wirken ihre dicken Linien unbeholfen, und die dunklen Zusatzfarben kleistern bisweilen subtile Bildkompositionen zu. Da wäre ein neuer Ansatz hilfreich gewesen, aber offenbar zählte die antiquierte Anmutung der Panels mehr als gute Lesbarkeit. Das ist schade, weil es potentielle Leser verprellen wird, obwohl das Publikum durch Comics wie „Gift“ von Barbara Yelin mittlerweile viel besser vorbereitet wäre auf historische Comicstoffe in moderner Erzählweise. Aber der Band zu Karl Mendelssohn Bartholdy kommt alles andere als verlockend daher.

Dennoch bleibt es ein faszinierendes Vorhaben, das Elke Steiner hier weitertreibt. Und die aktuell gewählte Biographie, die vom empfindsamen Sohn des berühmten Komponisten zum erfolgreichen Historiker und dann in den Wahnsinn führt, ist ein mitreißender Stoff. Bisweilen hätten chronologische Hinweise gut getan, aber Elke Steiner setzt auch hier auf einen assoziativen Fluss des Geschehens, für den konkrete Daten irrelevant sind. Immerhin setzt ihr Comic mit einer Jahreszahl ein: 1874, als Karl erstmals in eine Anstalt kommt, in Görlitz. Und das Buch hört mit einer Jahreszahl auf, leider einer falschen. Denn Karl Mendelssohn Bartholdy ist nicht nach 21 Jahren in Königsfelden dort gestorben, sondern nach 23. Eine Kleinigkeit, aber bezeichnend für den Unwillen der Autorin zur historischen Genauigkeit, weil sich darin für Elke Steiner offenbar das Diktat eines gefährlichen Rationalismus verbirgt. Aber dann besser gleich ganz weglassen.

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