Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Weltkrieg trennt den schlechten Teil vom guten

Es ist eine seltsame Lektüre. Einerseits ist Raymond Briggs einer der prominentesten Illustratoren und Bilderbuchkünstler überhaupt. Der 1934 geborene Brite hat mit „Der Schneemann“ und „When the Wind Blows“ (das allerdings vor allem durch den gleichnamigen Trickfilm weltweit erfolgreich wurde) in den siebziger und achtziger Jahren gleich zwei moderne Klassiker gezeichnet. Und nun erscheint nach siebzehn Jahren auf Deutsch ein Buch, das er 1998 über das Leben seiner Eltern publiziert hat: „Ethel & Ernest“. Das war damals vor der Graphic-Novel-Welle, als autobiographische Stoffe noch selten waren und man ohnehin nicht verwöhnt (oder verstört) war durch experimentelles Erzählen. Heute dagegen wirkt „Ethel & Ernest“ geradezu verschnarcht.

Zumindest die Hälfte des Buchs lang. Denn der Auftakt ist denkbar konventionell. Streng chronologisch läuft eh alles ab, aber die Vorkriegsjahre des Milchmannes Ernest und des Hausmädchens Ethel (das seine Beschäftigung mit der Heirat 1928 sofort aufgibt) sind derart absehbar erzählt in den Schwierigkeiten, die ein Paar am unteren Rande der sozialen Schichtung in England eben hat, dass man versucht ist, die Lektüre aufzugeben. Dazu trägt auch der sehr statische Zeichenstil von Briggs auf, der in Bilderbüchern weitaus besser aufgehoben ist als in Comics (Leseprobe, leider nur vom Anfang, hier: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/ethel-ernest/).

Aber dann bricht der Zweite Weltkrieg ins friedliche Großbritannien ein, London leidet unter dem „Blitz“ der Nazis, und nach dem Ende der Kampfhandlungen ist die Welt eine andere, gerade auch im Vereinigten Königreich. Was Briggs nun meisterhaft gelingt ist das Porträt eines alternden Paares, das von den Entwicklungen der Gesellschaft, der Technik oder auch nur der des eigenen Sohnes einfach überfordert ist. Im Grunde bleiben Ethel und Ernest Vorkriegsexistenzen, und gerade die früher eher aufgeschlossene Ethel entwickelt sich zur großen Skeptikerin gegenüber jeder Veränderung des Gewohnten. Es mag ja daran liegen, dass Raymond Briggs selbst erst die Nachkriegszeit mit dem abgeklärteren Blick eines Erwachsenen begleitet hat und irgendwann auch das Familienheim verließ, so dass ihm nunmehrige Veränderungen seiner Eltern leichter auffielen als in jenen Jahren, als man noch zu dritt zusammenlebte, aber eine solche Befreiung innerhalb derselben Geschichte habe ich in kaum einem anderen Comic erlebt. Es ist, als hätte Briggs die eigenen  Geschichte durchgelüftet, obwohl sich die Welt einer Eltern immer mehr verengt

Plötzlich ist die Geschichte witzig, auch politisch und sogar melancholisch in einer Weise, die nie etwas Rührseliges hat, sondern immer neu Stimmungen zu erzeugen weiß, für die man Briggs bewundern muss. Viel konsequenter als in der ersten Hälfte setzt er in dem kleinformatigen Band nun auch die ihm vertraute Bilderbuchästhetik ein: zum Beispiel lange Dialoge als reine Textpassagen unter einem Einzelbild. Dadurch bekommen seine Eltern paradoxerweise eine größere Anschaulichkeit als in den unverändert eher unbewegten Bildern selbst. Erst ganz am Schluss, bei der Schilderung des Todes erst der Mutter und nur wenig später dem des Vaters im Jahr 1971 greift die innere Beteiligung von Briggs offensichtlich auf seine Bilder über, und ihm gelingen grandiose Bilderfindungen, die Trauer und Altersschwäche spürbar machen, ohne dass darüber gesprochen werden müsste.

Was den Berliner Reprodukt Verlag dazu gebracht hat, diesen Band nach mehr als anderthalb Jahrzehnten doch noch ins Deutsche zu bringen, bleibt dennoch unerfindlich. Es ist ja nicht so, dass die fremdsprachigen Stammzeichner des Verlags nicht genügend neue Titel publizierten, und in letzter Zeit musste das Programm dieses ambitioniertesten einheimischen Comicverlags ohnehin etwas ausgedünnt werden. Dann mit einem Band wie „Ethel & Ernest“ zu kommen, ist nur aus der ständigen Verführung zu erklären, die das Zauberwort „Graphic Novel“ offenbar auf Verlage und Handel ausübt. Format, Erzählweise und Thema von Briggs‘ Buch passen einfach zu perfekt ins Schema dessen, was man von diesem Genre zu erwarten meint. Aber genau das macht den Comic anfangs auch tatsächlich so erwartbar. Geradezu verblüffend, dass er sich dann so souverän noch selbst befreit.

0