Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Schauen Sie mal nicht nur auf die Frauen

Das, was mir selbst in jungen Jahren einmal modern vorkam, ist längst historisch, und so ist es eine zwiespältiger Erfahrung, einen prachtvollen Band aufzuschlagen, in dem die „Valentina“-Gesichten des italienischen Comiczeichners Guido Crepax versammelt sind. Sie erschienen zwischen  1965 und 1972, addieren sich zu immerhin 170 Seiten und sind eine wahre Fundgrube des Grafikdesigns und der Gegenwartskunst jener Jahre. Schon im allerersten Bild debattiert eine New Yorker Partygesellschaft die Op-Art.

Für optische Valeurs ist auch Crepax bekannt, nicht selten auch berüchtigt. Er gilt als der wichtigste Protagonist der Erotikcomics, seit 1975 seine Adaption von Anne Declos‘ pornographischem Roman „Geschichte der O“ in Frankreich erschien, aufwendig gedruckt und geadelt (aber nicht gesellschaftsfähig gemacht) durch Vorworte von Roland Barthes und Alain Robbe-Grillet und dann in etliche Sprachen übersetzt. Für solch ein Thema finden sich überall Liebhaber. Und fortan hatte Crepx seinen Ruf weg, im Guten wie im Schlechten.

Das hat auch auf „Valentina“ abgefärbt, die selbst in kundigen Publikationen gern pauschal als Erotikcomic abgehandelt wird. Gut, Crepax entwickelte die Geschichten in diese Richtung, aber das Ganze bleibt doch äußerst zahm und hat vor allem einen ganz anderen Anspruch. Zu Beginn allemal, denn da ist die junge Mailänder Fotografin Valentina noch gar nicht die Hauptfigur, sondern der amerikanische Kunstkritiker Philip Rembrandt. Für ihn hat Crepax das seit „Tim und Struppi“  altehrwürdige Prinzip des Journalisten als Comic-Held ebenso herangezogen wie die amerikanische Superhelden-Tradition, denn Rembrandt verfügt über die Gabe, mit seinen Augen Menschen zu bannen und technische Gerätschaften außer Funktion zu setzen. Und natürlich führt er ein Doppelleben; in seiner Rolle als Verbrechensbekämpfer nennt er sich Neutron. Valentina ist anfangs nur eine Zufallsbekanntschaft, die ihm beim Lösen eines Falls in Italien begegnet ist.

Was Crepax, der 1933 in Mailand geboren wurde und 2003 dort auch starb, prägte, waren vor allem die Comics eines Mannes, dessen Name weder im Vorwort von Umberto Eco noch im Begleitessay von Paolo Canepelle und Günter Krenn (die den Band auch aus dem Italienischen übersetzt haben) fällt: Alex Raymond. Es ist schon eine Kunst, darüber zu schweigen, wo Neutron/Rembrandt sich bis in die Details an Raymonds berühmtester Figur Rip Kirby orientiert und außerdem etliche Anspielungen auf seine Science-Fiction-Serie „Flash Gordon“ in den „Valentina“-Comics zu finden sind, bis hin zu seitenlangen Phantasmagorien der Heldin, in denen sie sich selbst an die Seite Flashs träumt. Und der ornamentreiche Schwarzweiß-Stil von Crepax hat auch nur ein Vorbild: Raymond natürlich (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/valentina).

Was nicht heißt, dass er nicht noch viel mehr gelesen hat, und einer der großen Reize von „Valentina“ besteht in den persönlichen Elementen, die der Zeichner in die Welt seiner Protagonisten integriert: moderne, aber auch alte Kunst (etwa ein Cranach-Bild als wichtige Schule des Sehens), Comics sonder Zahl, darunter selbst die italienische Zeitschrift „Linus“, in der „Valentina“ veröffentlicht wurde – eine wunderbare Selbstreflexion. Und die französische Rennfahrerserie „Michel Vaillant“, bei der er für den ersten Teil des „Valentina“-Zyklus geradezu hemmungslos klaut. Dazu Filme, Literatur (vor allem deutschsprachige), Musik (vor allem die des zwanzigsten Jahrhunderts mit besonderem Respekt für Alban Berg), Architektur. Es ist ein Fest der Anspielungen und Zitate für jeden Kulturbeflissenen.

Aber die meisten Crepax-Leser haben nur Augen für seine Frauen mit den knabenhaften Körpern und den aufreizenden Stellungen. Die kommen bei „Valentina“ aber erst spät im Gesamtkonvolut, und die diesbezüglich expliziteste Geschichte erzählt von Valentinas Schwangerschaft (sie ist mittlerweile mit Philip Rembrandt liiert), die Crepax die Rechtfertigung für eine geradezu sensationell surrealistische Handlung bietet, die neben sexuellen Reizen auch die ästhetischen Bezüge auf einen Höhepunkt treibt. Dazu kommt seine immer einfallsreichere Seitenarchitektur, die manchmal Parallelstränge inszeniert, die sich auf den oberen beziehungsweise unteren Seitenhälften fortsetzen, dann wieder kurzerhand die Leserichtung umkrempelt (allerdings immer noch sehr bemüht unter Einsatz von Richtungspfeilen, damit auch ja niemand sich im Panelarrangement verläuft) oder das Gescehen in winzigste Bilder unterteilt. Und nichts davon ist l’art pour l’art. Das Großartige an Crepax ist – das wiederum führt Eco schön aus –, dass er stets einen inhaltlichen Grund für seine künstlerischen Innovationen hatte.

Selbstverständlich wirkt „Valentina“ heute vor allem nostalgisch. Und das, was Crepax erzählt, steckt so voller Klischees und Unwahrscheinlichkeiten, dass man kein Wort darüber verlieren müsste, wenn hier nicht Epoche geschrieben worden wäre. Hugo Pratt und er, zwei Italiener also, haben im Gleichschritt das begründet, was später Autorencomic heißen sollte (und heute auf den Namen Graphic Novel hört). In Frankreich dachte man in den sechziger Jahren noch in den alten Rastern von Heftformaten und Abenteuerserien, während Crepax und Pratt diese Rahmenbedingungen dadurch aushebelten, dass sie einfach immer weiter erzählten und zeichneten, so dass endlose Geschichten entstanden („Valentina“ führt zudem ganz am Ende wieder zum Anfang zurück), und die wahren Abenteuer in die Köpfe verlagerten. Weder „Corto Maltese“, Pratts Erfolgsserie, noch „Valentina“ erheben irgend einen Anspruch auf Realitätsbezug, aber sie sind exemplarischen Beispiele einer entfesselten Phantasie.

So ist die neue „Valentina“-Gesamtausgabe, die im Avant-Verlag erschient, Verpflichtung und Chance zugleich. Verpflichtung, weil hier zu lernen ist, wie der Comic wurde, was er ist. Und Chance, weil sie Crepax aus der Schmuddelecke holen kann. Sein „Mann aus Harlem“ wartet auch seit dreißig Jahren auf eine Neuausgabe: Weil er kein Erotikcomic ist, wagte sich niemand daran. Dabei knüpfte er noch einmal dort an, wo Crepax mit „Valentina“ zugunsten seiner erfolgreicheren Pornographie aufgehört hatte: bei Erzeugen von Stimmungen mittels des optischen Einbezugs von akustischer Kunst. Fürwahr, das ist Op-Art in Comicform. Man möchte dem eigenen Auge manchmal nicht trauen bei dem, was Guido Crepax da veranstaltet.