Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Frauenfrühling im Hochsommer

Wie ich mir eingestehen muss, hatte ich noch nie zuvor darüber nachgedacht, was der Titel der Anthologie „Spring“ besagt. Man ist ja doch germanophon, also las ich das Wort als Befehlsform zu „springen“. Das hätte ja auch etwas, denn im Sinne von – man ist ja latinophon – „Hic Rhodos hic salta“ könnte es als Aufforderung an die Beteiligten gemeint sein, hier nun endlich ihre Chance zu nutzen. Denn als „Spring“ 2004 ihr Debüt erlebte, bot sie das erste Forum in Deutschland, das nur für Comiczeichnerinnen gedacht war.

Das war damals überfällig, aber heute kann man fast darüber lächeln, denn Frauen sind zu einem derart wichtigen Bestandteil der deutschen Comiczeichnerszene geworden, dass man bisweilen den Eindruck hat, sie stellten bereits die Mehrheit. Das ist natürlich noch nicht so, doch wenn man an Anke Feuchtenberger, Ulli Lust, Isabel Kreitz, Barbara Yelin, Line Hoven, Birgit Weyhe, Elke Steiner, Olivia Vieweg, Moki, Katharina Greve, claire Lenkova oder Marijpol denkt (und da fehlen zweifellos noch einige), dann sind Comiczeichnerinnen ganz gewiss nicht das schwache Geschlecht in ihrer Erzählform. Wir erleben einen Frauenfrühling im deutschen Comic, und der darauf folgende Sommer verspricht sehr groß zu werden.

Warum also nicht „Spring“ anglophon lesen, als Frühling? Das wäre ein Anspruch gewesen, der 2004 tatsächlich noch programmatisch verstanden werden konnte. Heute hätte „Spring“ ihn also erreicht – einige der eben genannten Zeichnerinnen gehörten zu den regelmäßigen Mitarbeiterinnen der Anthologie. Und in der gerade erschienenen zwölften Ausgabe (jedes Jahr ist bislang eine publiziert worden) sind Hoven, Lust und Moki vertreten. Ganz neu auch: „Spring“ erschient erstmals bei Mairisch, einem noch recht jungen Hamburger Verlag, der jüngst gleich mehrere Preise für seinen Wagemut und die schöne Gestaltung seiner Bücher gewonnen hat.

Wobei die Gestaltung von „Spring“ ganz in der Hand der Zeichnerinnen liegt. Das Thema der neuen Ausgabe lautet „Privée“, und schon das von Line Hoven gekratzte Cover – die Künstlerin arbeitet mit Schabkarton – zeigt eine recht intime Szene: junge nackte Frau mit Katzenmaske und lebender Katze (zu sehen auf der Website des Magazins http://www.springmagazin.de/). Rücksichten auf sensiblen Feminismus nehmen die beteiligten Zeichnerinnen erkennbar nicht. Hovens Beitrag im Buch nimmt das Prinzip ihres Titelbildes auf und kombiniert weiterhin laszive Damen mit Katzen zu Texten, die im Stil von Charakterstudien die jeweiligen Tiere beschreiben. Woher Line Hoven diese kurzen Texte hat – man möchte ein Forum für Haustiervermittlung vermuten –, bliebt offen, aber die Zusammenstellung mit den unbekleideten Frauen gibt ihnen einen ironischen Beigeschmack, der noch viel weniger festzulegen ist.

Diese Ambivalenz gilt für mehrere Beiträge, so etwa auch die von Katrin Stangl, Stephanie Wunderlich und Carolin Löbbert, die sämtlich sexuell uneindeutig aufgeladen sind. Dagegen teilt Ulli Lust mit, woher sie die Bildanregungen zu ihren drastischen Darstellungen von Paaren in eindeutig zweideutigen Stellungen hat: von einem Online-Dating-Portal für Swinger. Die Übersetzung dieser Fotos in den typischen Brut-Stil von Ulli Lust, noch dazu gedruckt auf grellgelbem Papier, ist die Comic-Entsprechung zu den Filmen von Ulrich Seidl.

Die Wahl individueller farbiger Papiere ist eines der verbindenden Merkmale dieser „Spring“-Ausgabe. Wobei auf Rottöne komplett verzichtet wurde, was den Buchschnitt als  fahlen Regenbogen erscheinen lässt, der perfekt zur gleichsam gedämpften Stimmung dieses Einblicks in Private passt. Nur selten bricht eine Episode aus der selbstgewählten Isolation aus: Sophia Martineck etwa erzählt die Geschichte der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung, also jener berühmten Kollektion, die auf Anregung eines Arztes Kunstwerke zusammenführte, die von Insassen einer Nervenheilanstalt stammten. Allerdings ist diese Geschichte zu bekannt, als dass sie in „Spring“ noch überraschen könnte. Da ist Mokis eigentümlicher Kinderblick auf Berlin-Kreuzberger Straßenszenen weitaus eindrucksvoller, weil hier über einen Zeitraum von vier Jahren markante Ereignisse wie zum Beispiel das Flüchtlingslager auf dem Oranienplatz gezeichnet werden – und ganz nebenbei wächst auch noch das kleine Mädchen heran, das mit seinen lapidaren Verständnisfragen erst einen Fokus auf die detailreichen Szenerien ermöglicht.

Längst kann man „Spring“ nicht mehr als reines Comicmagazin bezeichnen; die Grenze zur Kunst ist fließend, allemal in Beiträgen wie denen von marialuisa oder Almuth Ertl. Und mit Larissa Bertonascos Bildern zu einem Text der Ägypterin Shorouk El Hariry, der sich mit der Unterdrückung von Frauen durch die Bekleidungsvorschriften des Islam beschäftigt, gibt es diesmal sogar einen dezidiert politischen Beitrag. Aber das Private ist laut einem alten Ondit ja eh politisch, also muss man sich darüber nicht wundern.

PS: Unbedingt beachten sollte man die Werbeanzeigen am Schluss des Heftes. Nach dem Vorbild des Comicmagazins „Strapazin“ werden sie von den Zeichnerinnen selbst gestaltet, und dadurch bekommt man noch einen graphischen Bonus.

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