Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ihr ist so melancholisch wohl

Letzte Woche kamen an dieser Stelle deutsche Comiczeichnerinnen gleich dutzendweise vor. Das lag einerseits daran, dass die damals gewürdigte Anthologie „Spring“ nur von Frauen bestritten wird, aber andererseits auch daran, dass die Zeichnerinnen immer prägender in der deutschen Comicszene werden. Um eine Künstlerin (oder besser Erzählerin), die im klassischen Sinne nicht dazu gehört, weil sie bislang keine Comics gezeichnet hat, soll es heute gehen. Alexandra Klobouk jedoch hat das Zeug zur großen Comiczeichnerin, wie man ihren Buchillustrationen ansehen kann.

Die stellen nämlich mehr als genug Material für Bildergeschichten dar, zumal die 1983 in Regensburg geborene, heute in Berlin lebende Klobouk ihre Bücher meist selbst schreibt und dementsprechend auf einen subtilen Gleichklang von Text und Illustrationen achtet. Das war schon so bei ihrem Erstling, dem wunderbaren Stadtporträt „Istanbul, mit scharfer Sauce“, erschienen 2010 beim Verlag Onkel & Onkel, wo nur ein Jahr später auch das Bilderbuch „Polymeer“ herauskam. Als ich Alexandra Klobouk damals fragte, was sie sich als nächstes vornehmen würde, sagte sie: ein Buch über Lissabon. Als dann 2013 beim Kunstmann-Verlag „Die portugiesische Küche“ erschien, ein reich illustriertes, aber auch mit ganzseitigen Fotos durchsetztes Kochbuch, dachte ich, dass das wohl die Umsetzung der Ankündigung sein sollte und war enttäuscht. Denn auch wenn das Kulinarische schon im Istanbul-Buch eine wichtige Rolle gespielt hatte (was man ja bereits dessen Titel abliest), standen darin doch die Stadt selbst und ihre Bewohner im Mittelpunkt, im Kochbuch aber naturgemäß Rezepte. Was ich jedoch nicht wusste, war, dass das eigentliche Lissabon-Porträt noch ausstand.

Jetzt ist es erschienen: „Lissabon im Land am Rand“, wie auch schon das Istanbul-Buch zweisprachig, im handlichen Kleinformat (sozusagen reiseführertauglich) und mit einer plakativ-attraktiven Zusatzfarbe, diesmal einem hellen Blau. Kurz: Alles ist wieder so wie bei „Istanbul, mit scharfer Sauce“, nur dass Alexandra Klobouk abermals den Verlag gewechselt hat – jetzt ist es Viel & Mehr in Berlin, auf dessen Website es auch einen Einblick ins Buch gibt (http://www.vielundmehr.de), und weiteres ist bei der Zeichnerin selbst zu finden (http://www.alexandraklobouk.com/Lissabon-im-Land-am-Rand). Und was sich noch geändert hat: Die Liebe der Autorin zur portugiesischen Hauptstadt übersteigt sogar noch ihre Begeisterung für die türkische Metropole. „Die Magie von Lissabon“ ist eine Formulierung, die einige Male vorkommt, und man sieht Alexandra Klobouks Bildern an, wie bezaubert sie von der Stadt gewesen ist.

Ein Jahr war sie da, mitten in der größten Wirtschaftskrise Portugals, und die hat Spuren im Buch hinterlassen. Der Faszination der jungen Deutschen für ihre Heimatstadt auf Zeit steht das Bestreben der Lissaboner Jugend entgegen, sich ins Ausland abzusetzen, um ein Auskommen zu finden – gerade auch gern nach Berlin. Mittels kleiner Beobachtungen und aufgeschnappter Gesprächsfetzen zeichnet Alexandra Klobouk das Bild einer Stadt, die immer schon Ein- wie Ausfallstor für Europa war und deshalb stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, auch wenn Lissabon ganz am äußersten Rand von Europa liegt. Die portugiesische Seehandelsgeschichte ist deshalb als Thema im Buch genauso wichtig wie das große Erdbeben von 1756.

Es gibt ein weiteres gezeichnetes Lissabon-Porträt, die „Lisbonne Carnets“ des legendären französischen Comiczeichnerduos Dupuy & Berberian, das mittlerweile getrennte Wege geht. Dieser querformatige textlose Band erschien 2001, folgte auf ähnliche Bücher über New York und Barcelona und nahm zwei weitere Bände über Tanger und – jawohl – Istanbul vorweg. Und da man nun gleich zwei Städteporträts als direkten Vergleich hat, kann man sagen, dass die deutsche Zeichnerin zwar ganz anders arbeitet als ihre französischen Kollegen, nämlich gleichberechtigt mit Bild und Text, aber doch genau die gleichen Stimmungen einfängt, und das in Bildern, die denen von Dupuy & Berberian nicht unähnlich sind in der spontanen Anmutung, die Skizzen suggeriert, aber natürlich genau kalkuliert ist. Wer solch einen ästhetischen Vergleich aushält, ist jedenfalls selbst eine Große.

Und wenn Alexandra Klobouk auf Doppelseiten eine Straßenbahn die Hänge Lissabons herabfahren lässt oder einen köstlichen Vergleich von Zufallsbegegnungen in der portugiesischen Stadt und in Berlin durchführt, zeichnet sie jeweils Bildsequenzen, die ein phantastisches Gespür für Comics verraten. Nur, dass Klobouk eben noch nie einen Comic gezeichnet hat. Hoffentlich ändert sich das bald. Bis dahin aber kann man sich mit „Lissabon im Land am Rand“ wunderbar trösten. Und da selbstverständlich der Fado darin eine zentrale Rolle spielt, passt Melancholie beim Lesen perfekt.

 

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