Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Jedem Tierchen sein Massakrierchen

Vor bald zwei Jahren druckte die in Hildesheim erscheinende Literaturzeitschrift „Bella triste“ einen Comic ab. Wobei es nur ein Auszug war, ein Kapitel aus einem schwarzweißen Großprojekt namens „Adamstown“. Die Autorin, mir damals noch völlig unbekannt, hieß Verena Braun. Was sie da auf gerade einmal acht Seiten zeigt, hätte aber im besten Sinne auch von einer Veteranin des deutschen Comics stammen können.

Wobei Verena Braun nach eigenen Angaben auch satte sieben Jahre daran gezeichnet hat, und wenn man sich die Detailfülle der 130 Seiten des nun erschienenen vollständigen Albums anschaut, ist man geneigt, es zu glauben. Zumal das in eine Zeit zurückführen würde, als Lewis Trondheims und Joann Sfars französischen Comicreihe „Donjon“ auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes stand und Christophe Blain „Isaak der Pirat“ veröffentlichte, und von beiden Serie ist „Adamstown“ deutlich geprägt (http://www.verenabraun.de/?cat=1). Ästhetisch, denn Verena Braun mischt realistische mit phantastischen Figuren, in ihrem Fall Menschen und sprechende Tiere, und erzählerisch, denn es ist schon eine ziemlich ausgeflippte Gemeinschaft, die da im Wilden Westen  zusammenfindet.

Adamstown war die gemeinsame Gründung eines Menschen, Adam Sanders, und eines Fischs, namens Steve Johnson (zumindest sehen Steve und seine Nachfahren sehr nach Fischen aus). Durch einen alten Indianerfluch war es Menschen unmöglich, an diesem Ort zu bauen, aber an siedelnde Tiere hatten die Rothäute wohl nicht gedacht. Also taten sich Sanders und Johnson zusammen, wobei die Benennung der neuen Stadt nach Ersterem schon zeigt, wer da wen später übers Ohr haute. Die Johnsons versuchen, sich ihren Teil an Adamstown zurückzuholen. Hier setzt die Geschichte ein.

Es gibt sprechende Pferde, Katzen, Hunde, Vögel – alles, wie man es aus Disney-Comics gewöhnt ist und seit Art Spiegelman auch im sehr anspruchsvollen Segment  verwendet sieht. Verena Braun spielt mit unseren Sehgewohnheiten und nimmt zugleich die Tiere als das, was sie sind: Vertreter des harten Naturgesetzes. Sie kennen keine Gnade. Die Menschen allerdings auch nicht, und so steht man doch eher auf der Seite der buchstäblichen Underdogs. Alle Tiere wollen übrigens endlich eine Bank in Adamstown bauen, und am Schluss sind nach unzähligen Wirren, Intrigen und auch mancher Schießereil gleich vier solcher Institutionen fertig. Erstaunlicherweise blüht Adamstown dadurch gehörig auf – in unseren Krisen-Zeiten hätte man wohl eher mit dem Untergang gerechnet.

Aber Verena Braun bringt die Sache zu einem wirklich guten Ende. Man merkt ihr den Spaß an der Sache an – sonst hätte sie wohl auch nicht sieben Jahre lang daran gearbeitet. Im Netz kann man einen eigens produzierten Soundtrack zum Comic herunterladen (https://verenabraun.bandcamp.com/releases), und es gab auch schon eine szenische Lesung, in der die Zeichnerin in Cowboykluft das Abenteuer vorgestellt hat.

ZU diesem Engagement passt, dass Verena Braun sich von der Absage durch einige Comicverlage nicht entmutigen ließ und ihren Band per Crowdfunding nun im Selbstverlag herausgebracht hat. Wer ein sehr ungewöhnliches deutsches Comicalbum lesen will, der ist hier gut bedient. Man muss die Publikation des Verlags Loup Blanc Productions nur noch finden.