Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Smells like teen spirit, aber mit Veilchenduft

Machen wir doch einfach so weiter, es hat ja Charme, und genug Auswahl ist auch da. Also hier die Fortsetzung meiner kleinen Folge von Einträgen zu Comics, die sich den Werken von Autorinnen widmen. Diesmal aber geht es wieder weg aus Deutschland, über den Atlantik in die Vereinigten Staaten, w zwei kanadische Cousinen ein wahrhaft dickes Ding zustande gebracht haben: „This One Summer“, gerade auf Deutsch als „Ein Sommer am See“ erschienen bei Reprodukt, 320 Seiten stark (wobei der Band noch dicker wirkt, aber das liegt am verwendeten Papier, auf dem die monochrome blaugraue Zusatzfarbe besonders gut zur Geltung kommt).

Jillian und Mariko Tamaki sind japanischer Abstammung, aber beide in Kanada geboren, und das die Kombination von fernöstlichem Kunstverständnis und neuweltlicher Prägung eine erfolgversprechende Kombination für Comic-Künstler ist, wissen wir seit Adrian Tomine. Ds erste Werk, das Mariko Tamaki für ihre Cousine schrieb, war das autobiographisch geprägte „Skim“, in dem die Jugend einer jungen Kanadierin japanischer Herkunft in den frühen neunziger Jahren erzählt wird. In „Ein Sommer am See“ ist die Protagonistin, Rose Abigail Wallace, nicht nur etwas jünger als Skim, sondern sie ist auch die Tochter eines kaukasischen kanadischen Paars. Die Tamakis entfernen sich also von ihrem eigenen biographischen Hintergrund, und da die Handlung in der Gegenwart angesiedelt ist, auch von ihrer eigenen Generation.

Sommer für Sommer fahren die Wallaces in ein Ferienhaus an einem der großen kanadischen Seen, die Strände wie am Meer bieten. Dort hat Rose als Kind die anderthalb Jahre jüngere Wendy kennengelernt, und die gemeinsamen Wochen im Sommer sind ein festes Freundschaftsritual, ehe man sich dann wieder für fast ein Jahr trennt. Nun sind beide in oder am Rande der Pubertät, und die Gesprächsthemen wechseln. Die jüngere Wendy ist viel neugieriger auf Jungs als Rose, auch viel extrovertierte, aber Rose wiederum verliebt sich in einen lokalen Kioskverkäufer, der aber schon eine feste Freundin hat.

Eine Teenagergeschichte also, und ich mache keinen Hehl daraus, dass ich wenig Lust hatte, sie zu lesen. Wieder mal eine Graphik, die alles von Craig Thompson übernommen hat, wieder mal ein Coming-of-Age-Thema, wieder mal eine Ferienerzählung – Klischee hoch drei, dachte ich. Falsch gedacht. Die Tamakis erzählen wunderbar leicht, es gibt keine falschen Dramen (aber einige echte, die sich jedoch unterschwellig abspielen), und vor allem haben sie ein traumwandlerisches Gespür für die Psychologie ihrer Figuren – sowohl erzählerisch als auch graphisch. Selten habe ich etwas Glaubwürdigeres gelesen. Teenagerfreundschaft und Teenagerliebe aus Mädchensicht, nie aggressiv, stets genau beobachtet, nie langweilig. Nicht „Tschick“, nicht Nirvana „Smells Like Teen Spirit“, aber genauso brillant.

Zugleich sind Ort und Zeit auf eigentümliche Weise der Realität entrückt. Ich kenne die kanadischen Seen, doch eine Atmosphäre wie in „Ein Sommer am See“ habe ich dort noch nicht erlebt, wobei das gar nicht stört, sondern nur noch mehr Faszination schafft. Und die Geschichte würde auch in den fünfziger Jahren funktionieren, doch die Dekors und Details sind ganz gegenwärtig – es ist die Stimmung, die diesen Comic im besten Sinne zeitlos erschienen lässt. Und das wiederum passt zur kindlichen Wahrnehmung der Sommerferien als endloses Abenteuer, wie sie zuletzt im Bilderbuch „Die Regeln des Sommers“ von Shaun Tan (asiatischer Abstammung, in Australien aufgewachsen) so meisterhaft eingefangen worden ist.

Schon der Beginn ist unkonventionell: Geräusche ohne Bilder dazu, dann zwei Panels im linken oberen Viertel einer Seite, ein Dialog außerhalb von Sprechblasen, also quasi aus dem Off, und dann ein bis an die Ränder reichendes ganzseitiges Bild ohne Worte – wieder reines Stimmungsphänomen, eine verwunschene Szene familiärer Zuneigung und zugleich typische Ferienkonstellation, ehe diese Ruhe aufgebrochen wird durch ein sich über die obere Hälfte einer Doppelseite ersteckendes  Panel mit dichtem Autoverkehr, so dass die pastorale Szene des Anfangs sich als Rückblick erweist, als ein Idealbild von Urlaub, der diesmal anders, hektischer ablaufen wird. So subtil erzählt Mariko Tamaki, und so konsequent setzt Jillian Tamaki das in Bilder um. Wer sehen will, wie das geht, der sehe sich die Leseprobe an, die allerdings eine etwas spätere Sequenz bietet: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/ein-sommer-am-see/.

Die große Meisterschaft des Bandes liegt in der Ausnutzung der Seitenarchitektur. Wo Leerflächen gelassen werden, das ist mindestens so wichtig wie die doppelseitigen stummen Bilder, die als Ruhepole und zugleich Spannungshöhepunkte der Handlung fungieren. Zugleich setzt sich aus den Dialogen und Aktionen der Figuren Stück für Stück das Familienleben der Wallaces zusammen, in dem es eine Belastung gibt, die auf sehr kluge Weise eine Spiegelung im Konflikt findet, den Rose mit dem von ihr bewunderten Jungen austragen muss. Und das Finale der Geschichte, in dem die Bilder wieder zu Geräuschen werden, ist eine perfekte Abrundung des Geschehens.

Schließlich ein Wort zur Übersetzung durch Tina Hohl. Sie ist schlüssig. Ich habe keinen Vergleich mit dem Original angestellt, aber die Sätze und Sprachtönungen passen zu den Bildern. Man spürt bei Comics, ob die Sprache stimmt. Und hier stimmt sie. Genau wie das Lettering von Michael Hau. Ein Genuss. Der richtige Comic für den Sommer.

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