Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Knackig, diese alten Knacker

Nun aber mal ein Kontrast zu den vielen Frauencomics der letzten Wochen an dieser Stelle, und wenn’s jetzt mal wieder auf Männerdomänen geht, dann auch gleich richtig heftig. Vorhang auf für „Die alten Knacker“!

Diesen Band habe ich zuerst auf dem Comicfestival von Angoulême gesehen, wo „Les vieux fourneaux“ (so der Orginaltitel) in diesem Jahr unter den nominierten Alben war, aber als ich ihn aufschlug, kam mir die Geschichte vor wie eine Mischung aus Gibrat und Boucq, sprich elegische Bilder plus hässliche Figuren, und ich habe ihn wieder zugeklappt. Als er dann den Publikumspreis des Festivals gewann, sah ich mich eher noch bestätigt: Massengeschmack eben. Wie gut, dass der Splitter-Verlag ihn übersetzen ließ. Sonst hätte ich ihn wohl nie gelesen.

Und dann wäre mir eine sehr lustige Lektüre entgangen. Denn Wilfried Lupano (der schon mit einigen Bänden bei Splitter vertreten ist) und sein Zeichner Paul Cauuet machen aus der Geschichte um drei Kindheitsfreunde, die sich bis zum Ruhestand nie mehr aus den Augen verloren haben, ein echtes Spektakel an Situationskomik und Wortwitz. Meine Lieblingsszene: Antoine, einer der drei, will über eine hohe Mauer klettern und wirft schon mal sein Gewehr hinüber. Auf dem nächsten Bild hört man ein „Platsch“ – oder genauer: ein „Bloof“, denn die Lautmalereien zu übersetzen, wie es sich eigentlich gehörte, das scheut man bei Splitter, weil sie dann aufwendig neu gezeichnet werden müssten –, und noch ein Bild später sehen wir die Flinte in einem Tümpel versinken. Was daran so komisch ist? Die wunderbare Belanglosigkeit für die Handlung, ergänzt um die Überraschung, die sich in Antoines Gesicht spiegelt. Eine filmische Szene wie aus einer guten alten Kinoklamotte. Und genau darin hat der Comic auch seine Vorbilder.

Er spielt allerdings heute und größtenteils im südfranzösischen Département Tarn-et-Garonne, recht weit weg von Paris, wo immerhin zwei der drei Protagonisten leben, Pierre und Émile. Der Erstere noch in der eigenen, mit Andenken an die anarchistische Vergangenheit vollgerumpelten Wohnung, der andere im Altersheim. Gemeinsam brechen sie auf zum Begräbnis der Frau von Antoine, der aus der alten Heimat nie weggezogen ist, wo er als Arbeiter in einem Pharmaunternehmen tätig war – und als Unruhestifter unter der Belegschaft, denn Antoine war überzeugter Gewerkschaftler. Umso schlimmer trifft es ihn, als er einen Brief seiner verstorbenen Frau öffnet, in dem sie ihm gesteht, früher ein Verhältnis mit dem Chef des Pharmaunternehmens gehabt zu haben. Antoine geht auf einsamen Rachefeldzug aus, obwohl der Fabrikant auch schon ein Greis, zudem mit Ruhesitz in Italien ist. Pierre und Émile wiederum wollen ihn vor Dummheiten bewahren und begeben sich in Begleitung von Antoines hochschwangerer Enkelin Sophie auf die Verfolgung.

In der Präzision der Milieuschilderung und der Freuden am leicht karikierenden Realismus der Zeichnungen Cauuets (die ersten dreizehn Seiten kann man unter http://www.splitter-verlag.eu/die-alten-knacker-bd-1-die-uebrig-bleiben.html ansehen)sind denn, wie ich feststellen musste, doch nicht der zuckersüße Historiendramatiker Gibrat oder der bitterböse  Genredrastiker Boucq die richtigen Parallelen, sondern es ist vielmehr der erstaunliche Erzählzyklus „Das Nest“ (im Original „Le magazin“) der beiden Altmeister Régis Loisel und Jean-Marie Tripp, der gerade mit Band 9 (erschienen auf Deutsch bei Carlsen) seinen Abschluss gefunden hat. Gut, „Das Nest“ spielt in der kanadischen Provinz Québec und im frühen zwanzigsten Jahrhundert, aber die Konstellation aus Sonderlingen, die das Herz auf dem rechten Fleck tragen, und madonnengleichen Frauen prägt auch „Die alten Knacker“. Nur dass hier bitterer erzählt wird, weil die politische Komponente eine unterschwellige, aber wichtige Rolle spielt. Aber der nostalgische Zauber findet sich eben auch, nicht durch die aktuelle Handlungszeit, sondern durchs Alter der Hauptfiguren, die bisweilen auf ihr Leben zurückblicken, und diese Reminiszenzen an die „doux France“ der Nachkriegszeit schafft ein ähnlich wohliges Gefühl wie bei der Lektüre von „Das Nest“, obwohl es hier deutlich kontroverser zur Sache geht.

Es gibt hinreißende Auftritte in „Die alten Knacker“, etwa die Philippika, die Sophie einer Gruppe Rentnerinnen auf einer Autobahnraststätte entgegenschleudert, oder Pierres Autofahrerkünste. Auch die Idee, den körperlich angeschlagenen Émile am Beginn einer Seite aus einem Kleinwagen aussteigen zu lassen, was er erst zum Ende der Seite geschafft hat, wenn es aber mit diesem Fahrzeug schon wieder weitergeht, beweist hervorragendes Gespür der beiden Autoren für Timing. Das Bonusmaterial des Bandes besteht aus ein paar Skizzen und Vorzeichnungen für einzelne Sequenzen, und man kann hier sehr schön sehen, wie sich Cauuet Stück für Stück auf dem Weg zur fertigen Seite verbessert. Hier wird wirklich während der Umsetzung der Bilder noch massiv etwas verändert, während die Texte bleiben.

Doch das Schönste an diesem Comic ist die Genauigkeit seiner Dekors, nicht im Sinne von Fotorealismus, sondern im Sinne einer Präzision, wie sie André Franquin für „Spirou“ geschaffen hat: Zeitkolorit gepaart mit reichhaltigen Details. Dieser Band ist selbst für französische Verhältnisse eine große Überraschung, und umso erfreulicher ist es, dass er einen deutschen Verlag gefunden hat. Mag sein, dass da die Treue Splitters zu Lupano die Hauptrolle spielte, aber mit „Die alten Knacker“ hat der Verlag jetzt einen frischen Schlager im Programm. Die Vorfreude auf Band 2, der dem Titel nach Pierre in den Mittelpunkt stellen wird, ist groß.