Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Traumpaar findet sich

Im vorigen Eintrag dieses Blogs ging es um „Alte Knacker“. In diesem gewissermaßen auch, zumindest, was das Alter des Zeichners angeht, dessen neueste auf Deutsch erschienene Publikation hier gewürdigt werden soll. Er ist 88 Jahre alt. Allerdings war er, als er mit den Geschichten begann, um die es hier geht, erst 27. Und schon mit dreißig war wieder Schluss. Denn da hatte er neue Serien zu zeichnen begonnen, die ihn berühmt machen sollten, erst „Umpah-Pah“ und dann „Asterix“

Die Rede ist natürlich von Albert Uderzo. Und seine Serie, die jetzt endlich gesammelt auf Deutsch publiziert wurde, heißt „Luc Junior“. Sie lief von 1954 bis 1957 in der wöchentlich einmal erscheinenden Jugendbeilage der belgischen Tageszeitung „La Libre Belgique“. Bemerkenswert sind die insgesamt sieben, jeweils 22 oder 23 Seiten langen Abenteuer deshalb, weil sie die Resultate der ersten längeren Zusammenarbeit Uderzos mit dem Szenaristen René Goscinny darstellen. Das „Asterix“-Traumpaar fand über die Arbeit an „Luc Junior“ zu jener blinden Vertrautheit miteinander, die erst mit Goscinny viel zu frühem Tod im Jahr 1977 enden sollte. Gemeinsam schrieben sie nicht nur Comicgeschichten, sondern Comicgeschichte.

Dass ein paar Elemente von „Asterix“ schon in „Luc Orient“ stecken, darauf können die umfangreichen Vorbemerkungen, die diesen schön produzierten und gut übersetzten Sammelband einleiten, gar nicht oft genug verweisen. Aber die Paarung eines kleinen Schlauen und eines gemütlichen Dicken allein ist denn doch nicht genug für eine unmittelbare Vorläuferrolle, zumal es sich hier nicht um Freunde handelt, sondern um Berufskollegen, von denen der eine, Jan Grimmig, als Pressefotograf der fiktiven Brüsseler Zeitung „Der Schrei“ ein Veteran seiner Zunft ist, während der Titelheld Luc Orient gerade erst vom Büroboten zum Reporter befördert wird.

Also Belgien statt Gallien, Gegenwart statt Zeitenwende, junger und gesetzter Held statt gleichalten Freunden, Redaktion statt Dorf, Genau besehen bleibt nicht viel Ähnlichkeit von „Luc Orient“ mit „Asterix“. Außer der actionreichen Erzählweise Goscinnys, die Uderzo wiederum in den für ihn typischen von amerikanischen Vorbildern geprägten dynamischen und detailreiche Zeichenstil umgesetzt hat. Das hat alle ihre Serien zu Sonderfällen im französischsprachigen Raum gemacht. Wenn man sich das ansehen will, ist man allerdings im Netz auf die französische Seite http://www.asterix.com/les-createurs/luc-junior/ angewiesen, weil der deutsche Egmont-Verlag keine Leseprobe anbietet. Dass Uderzo auch ganz anders konnte, zeigt der im Anhang als Extra abgedruckte Schwarzweißcomic „Bill Blanchart“, der teilweise parallel zur ersten „Luc Junior“-Geschichte im selben Blatt erschien. Hier ist Uderzo ganz realistisch am Werk, im Stile Alex Raymonds (und wenn man will, kann man darin eine Vorwegnahme jener Ästhetik sehen, die der belgische Zeichner Hermann seit den siebziger Jahren pflegt).

Andererseits: In Alfons, dem Hund von Luc Junior, kann man schon viel von Idefix sehen, bis hin zu eigenständigem, geradezu vernünftigem Handeln. Alfons ist nur ungleich größer. Und wie später auch „Asterix“ endet fast jedes Abenteuer von „Luc Junior“ mit derselben Situation. Ist es im antiken Gallien das Festmahl nach erfolgreich absolviertem Abenteuer, ist es im Brüssel der Gegenwart die eilige Auslieferung der aktuellen Ausgabe von „Der Schrei“, in der sich dann das gerade erzählte Geschehen wiederfindet, während die beiden Helden Junior und Grimmig endlich einmal gemütlich davonschlendern können.

„Luc Junior“ ist aber aus vielerlei anderen Gründen gerade für Kenner der Comichistoriographie ein Genuss. In der Sorgfalt und auch dem Strich der Hintergründe verdankt die Serie dem belgischen Kollegen André Franquin viel, der gerade mit „Spirou“ zu einem der etabliertesten Vertreter seiner Zunft aufstieg. Die Konstellation Grimmig-Junior gleich viel mehr als der von Obelix und Asterix der von Fantasio uns Spirou: erfahrener Reporter und eifriger Jungspund, reizbarer Mann und altkluger Junge, sowie natürlich generell das Setting einer Reporterserie, die immer Abenteuer garantierte.

Wobei der Keim dafür natürlich noch woanders liegt: bei Hergés „Tim und Struppi“. Hier sind die Vergleiche noch interessanter, gar nicht einmal inhaltlich (von Tims Zeitung, dem „Petit Vingtième“ sieht man in der ganzen Comicserie kaum mal etwas, während die Redaktionsräume von „Der Schrei“ bei Uderzo elementarer Bestandteil der Handlung sind), aber sozioökomisch. Denn „La Libre Belgique“ war nicht nur auf dem Pressemarkt die unmittelbare Konkurrenz zur Zeitung „Le Soir“, wo „Tim und Struppi“ früher erschienen war; es war auch die ideologische Konkurrenz, denn wie der Name schon andeutet, wurde das Blatt 1945 nach der Befreiung von deutscher Besatzung gegründet, während „Le Soir“ als Kollaborationsblatt galt. Hergé hatte nach dem Krieg sogar eine längere Pause als Comiczeichner einlegen müssen, bis man eigens für seine beliebte Serie die neue Wochenzeitschrift „Tintin“ (so der französische Name von Tim) begründete, in denen er fortan  „Tim und Struppi“ publizierte.

An dieses Erfolgsmodell knüpfte auch die Beilage der „Libre Belgique“ an, nur dass deren Titel „Junior“ umgekehrt dem Helden ihres wichtigsten Comics den Namen gab. Und die Grundidee des jungen Reporters war natürlich auch bei „Tim und Struppi“ geklaut. Wobei René Goscinny etwas ganz anderes daraus machte: Einerseits wirkt Luc Orient als Figur kindlicher als Tim, andererseits sind die Geschichten trotzdem erwachsener, obwohl hier viel mehr mit Slapstick gearbeitet wird. Der geringe Umfang der „Luc Junior“-Abenteuer führt zu einer Ökonomie des Erzählens, die sehr abgeklärt wird. Einer der Meister  dieser Art, Comics zu erzählen, war Maurice Tillieux, der bereits seit 1949 seinen Detektivcomic „Félix“ in der wöchentlichen Anthologie „Héroic-Albums“ veröffentlichte. Von niemandem haben Goscinny und Uderzo so viel gelernt wie von Tillieux, aber darauf wird kaum je verwiesen. Dabei ist „Luc Orient“ der beste Beleg dafür.

Also mindestens drei Vorbilder, alle von höchster Qualität. Bezeichnend aber, dass daraus nur ein schöner Comic entstand, aber kein Meisterwerk wie „Asterix“, der sich seine Vorbilder nicht mehr woanders suchte, sondern aufs eigene Werk des Duos Goscinny-Uderzo Bezug nahm: vor allem auf „Umpah-Pah“, aber durchaus auch auf „Luc Junior“. Spaß macht die Lektüre aber auch ohne alle diese Erwägungen.