Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Diese Schule ist kein Spaß

Comics überall, jetzt auch in einem Lehrmittelverlag. Chinabooks ist ein Schweizer Spezialanbieter für Bücher zum chinesischen Spracherwerb, und er hat nun einen zweisprachigen Comic herausgebracht. Allerdings nicht irgendeinen: Sean Chuangs „Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan“ ist 2014 mit dem taiwanischen Golden Comic Award ausgezeichnet worden, und darf durchaus als vielmehr gelten denn als reiner Unterrichtsstoff. Diese Geschichte ist vergnüglich und hochinteressant.

Der schwarzweiß gedruckte Band enthält sie zweimal: einmal auf Deutsch, danach noch einmal auf Chinesisch. Die Übersetzung von Marc Hermann kann ich mangels Sprachkenntnissen nicht auf Exaktheit überprüfen, aber sie liest sich sehr gut und trifft die jeweilige Atmosphäre der Situationen. Einzig die Vorliebe für in Fußnoten untergebrachte Erläuterungen, die besonders bei Kinofilmen durch Nennung von chinesischen, englischen und deutschen Verleihtiteln etwas ausarten, sind ein Malus für dieses Buch, denn schon die kleinen Ziffern, die auf den Fußnotentext verweisen, sind in Sprechblasen extrem störend. Wenn man nicht aus den Anmerkungen eine eigene, auch graphisch in die Seitenarchitektur integrierte Erzählform macht, wie es etwa jüngst Sydney Padua vorbildlich in „The Thrilling Adventures of Ada Lovelace and Charles Babbage“ vermocht hat, sollte man besser darauf verzichten. Hermann tut es leider nicht.

Auch die für den deutschen Text benutzte Grotesktypographie ist angesichts des unmittelbaren Vergleichs mit dem zwar gesetzten, aber immer noch graphisch elegant wirkenden chinesischen Schriftzeichen ist ein Minuspunkt – allerdings ein verbreiteter in Übersetzungen aus fernöstlichen Sprachen, die regelmäßig vor dem Problem kapitulieren, dass die dortigen Schriftbilder selbst Kunstwerke sind, die durch die sachlichen Druckschriften westlicher Provenienz nicht adäquat ersetzt werden können. Besonders drastisch tritt dieses Problem bei Lautmalereien auf, was dazu geführt hat, dass in vielen Manga mittlerweile die japanischen Onomatopöien stehengelassen werden. Das ist in „Meine 80er Jahre“ indes leicht zu lösen, denn Chuang benutzt keine Lautmalereien.

Dafür liebt er den Kunstgriff der leeren Sprechblase (zum Ausdruck von Überraschung oder Ratlosigkeit), was bisweilen irritierend aussieht, aber hier ist der doppelte Abdruck von Original und Übersetzung wunderbar, um sicherzustellen, dass es sich nicht um einen Fehler des Verlags handelt. Ewas albern ist die Beibehaltung englischer Kapitelüberschriften in der deutschen Fassung, die sich zwar auch im chinesischen Comic finden, aber dort dazu gedacht sind, einem der Sprache Unkundigen wenigstens einen Hauch von Orientierung über den Inhalt zu verschaffen. Konsequenterweise hätte man bei den deutschen Version dann darauf verzichten können. Es sieht ziemlich affig aus.

Aber genug des Gejammers, nun folgt das Lob. Über ein Land wie Taiwan, mit dem nur wenige Deutsche vertraut sein dürften, kann man sich mittels Chuangs Comic durchaus wichtige Grundkenntnisse betreffs Politik, Gesellschaft und Lebensweise verschaffen. Die Nähe zu China ist evident, schließlich entstand das selbstständige Taiwan 1949 als Zuflucht der von Mao besiegten Kuomintang, also auch als Staat von Festlandchinesen, aber durch die Systemkonkurrenz mit der Volksrepublik entwickelte sich auf der Insel ein autoritäres kapitalistisches System, das erst in den achtziger Jahren, also dem Handlungsraum des Comics, liberaler ausgestaltet wurde.

Sean Chuang setzt mit seiner Autobiographie schon in den späten Siebzigern an, mit seiner Einschulung, und der Band endet mit dem Schritt ins Erwachsenenleben. Da er als erster Teil ausgewiesen ist, darf man auf eine Fortsetzung hoffen, die mutmaßlich weitere Erlebnisse des halbwüchsigen Schülers bieten würde, aber es wäre gewiss auch interessant, seinen Berufs weg zu verfolgen, der Chuang zu einem der einflussreichsten asiatischen Werbefilmer hat werden lassen. Dass ausgerechnet ein  kommerziell so erfolgreicher Mann im Alter von über vierzig seine Leidenschaft für Comics wiederentdeckt und vor allem in konkrete Projekte umgesetzt hat, ist bemerkenswert. Man spürt aber auf jeder Seite die Intensität des Zeichners und Verfassers: Hier steckt wirkli8ch Herzblut drin.

Ästhetisch gleicht vieles dem vertrauten Manga-Duktus, ist aber wesentlich naturalistischer gestaltet, wie man es ohnehin aus chinesischen Buchillustrationen gewöhnt ist (eine Leseprobe gibt es unter http://www.chinabooks.ch/img_ex/9783905816594.pdf). Die Kapitel widmen sich jeweils markanten Anekdoten, die bisweilen urkomisch, bisweilen aber auch traurig sind. Das taiwanische Bildungssystem erscheint aus westlicher Sicht als eine fortwährende Schinderei, und die retrospektive Kritik an den damaligen Zuständen ist deutlich genug. So ist auch „Meine 80er Jahre“ Teil der keineswegs abgeschlossenen Annäherung Taiwans an ein westlich-individuelles Freiheitsverständnis, das immer wieder in Konkurrenz steht mit dem chinesischen Ideal der kollektiven Verpflichtung. Dieser stets sichtbare Zwiespalt macht den Band zu einer fesselnden Lektüre, von der man keine Abenteuerhandlung erwarten darf, aber einen Einblick in einen äußerlich vertrauten, in den Verhaltensweisen der Menschen aber fremdartigen Lebensstil.