Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Man kann nicht sicher sein, was hier das Böse ist

http://Horrorcomics sind ein Genre mit reicher Tradition. Sein aktueller Großmeister ist Mike Mignola. Der hat nun mit „Baltimore“ einen Stoff begonnen, der den Ersten Weltkrieg durch ein anderes Gemetzel ersetzt.Fünfzig Euro sind eine Menge Geld für einen Comic. Auch für einen auf 1222 Exemplare limitierten mit 580 Seiten, der mehr als ein Kilogramm Gewicht auf die Waage bringt. Die Zeiten, in denen Sammler glaubten, mit dem Kauf von Bänden in solchen Auflagen sichere Zukunftswerte zu schaffen, sind lange vorbei. Welcher Comic in Deutschland verkauft sich denn überhaupt viel besser als in 1222 Exemplare? Da tut es nichts zur Sache, dass mit Mike Mignola einer der renommiertesten amerikanischen Zeichner beteiligt ist. Denn unmittelbar aus seiner Feder stammen vom sichtbaren Teil des Comics „Baltimore“ nur einige Titelbilder.

Mehrzahl? Ja, denn es handelt sich bei „Baltimore“ um eine Sammelausgabe der seit 2011 erschienenen Einzelhefte der gleichnamigen Serie aus den Vereinigten Staaten. Dort sind jeweils fünf Hefte zu einem Sammelband zusammengefasst worden, und die ersten vier dieser Sammelbände wiederum bilden nun gemeinsam die deutsche Ausgabe von „Baltimore“, die natürlich Cross Cult verlegt, wo auch Mignolas berühmte Serie „Hellboy“ erscheint. Seit der zweiteiligen Verfilmung von Guillermo del Toro aus den Jahren 2004 und 2008 kennen auch Comic-Ignoranten diese extrem unterhaltsame, aber auch tiefschwarze Geschichte um einen zum Nazijäger und Okkultismusbekämpfer ausgebildeten Dämon. Die Prämisse des Ganzen ist, dass erstaunlich viele Wehrmachtoffiziere und -soldaten und generell Hitler-Sympathisanten den Zweiten Weltkrieg auf mysteriöse Weisen überlebt haben und heute noch zur Strecke gebracht werden müssen. In „Baltimore“ wird dieses Story-Rezept jetzt gewissermaßen umgedreht.

Prämisse ist hier, dass der Erste Weltkrieg gar nicht komplett stattgefunden hat, sondern Anfang 1916 wegen eines weltweiten Pestausbruchs abgebrochen wurde, weil es alle Soldaten zu ihren sterbenden Lieben nach Hause zog. Somit sind auch die Vereinigten Staaten nicht in den Krieg eingetreten, die Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und die Türkei) sind nicht besiegt worden, alles ist in Europa politisch beim Alten. Aber auch nur politisch. Denn zugleich mit der Pest hat sich eine alte Vampirdynastie erhoben, die einem geheimnisvollen „Roten König“ dient, unter den vom Krieg geschwächten Völkern wütet und durch Blutsaugen reichlich neue Vampire ins Nachleben ruft. Der Rote König, den man in „Baltimore“ bislang noch gar nicht recht zu Gesicht bekommen hat (er taucht als Phantasiedarstellung auf), verweist übrigens auf eine der literarischen Hauptquellen des Comics: Edgar Allan Poe. Aus dessen Horrorgeschichtentiteln „Die Maske des roten Todes“ und „König Pest“ ist das ultimativ Böse hier zusammengesetzt.

Damit ist auch ein zentraler Begriff fürs Verständnis von „Baltimore“ genannt: Horror. In dieses Genre konnte man zwar auch schon „Hellboy“ einordnen, doch darin fand sich immer noch eine ordentliche Portion Humor, und weil es sich bei den Gegnern der Titelfigur meist um Nazi-Schergen handelte, die von Mignola mit allen entsprechenden Klischees ausgestattet wurden, hatte man keine ernstzunehmende Ebene betreffs der dargestellten Brutalität: Sie traf ja die Richtigen. Bei „Baltimore“ ist auch vier Jahre nach Beginn der Serie nicht sicher ausgemacht, wer denn die Richtigen sind. Natürlich ist Lord Henry Baltimore, der Held der Geschichte, unsere Identifikationsfigur, aber die von ihm bekämpften Vampire und speziell der besonders blutrünstige Haigus sind im Fortgang des Geschehens für einige ambivalente Überraschungen gut. Wenn es gleich zu Beginn des dicken Sammelbandes deutsche Vampire in Frankreich sind (erkennbar an Pickelhauben, Namen und sonstigen Accessoires), gegen die Lord Baltimore zu Felde zieht, dann ist man scheinbar noch auf sicherem Terrain betreffs der Rollen von Aggressor und Opfer, doch wenn dann im Laufe des ersten Heftzyklus die Ursprungsgeschichte der Jagd von Lord Baltimore auf Haigus erzählt wird, hat man plötzlich zwei Kämpfer vor sich, deren Pfad sich eher unglücklich gekreuzt hat. Allerdings übte Haigus dann als erster blutige Rache.

Der Vampir verlor nämlich beim Kampf mit Lord Baltimore ein Auge, dieser wiederum ein Bein. Das bringt die zweite literarische Hauptquelle für die Geschichte ins Spiel: Hans Christian Andersens Märchen vom „Standhaften Zinnsoldaten“..Mignola hatte sich 2007 mit dem Schriftsteller Christopher Golden zusammengetan, um einen reich illustrierten Roman (aber eben keinen Comic!) zu publizieren, der den Titel „Baltimore, or the Steadfast Tin Soldier and the Vampire“ trug. Darin wurde bereits vom Kampf zischen dem Titelhelden und Haigus berichtet, und ein paar Jahre später suchten sich Mignola und Golden für weitere Ausschmückungen dieses Antagonismus Helfer: Ben Stenbeck (Tusche) und Dave Stewart (Farben) machten daraus Comics, wobei Mignola federführend bei Fragen der Gestaltung bleibt – eine Leseprobe ist unter http://www.cross-cult.de/titel/baltimore-comic-1.html zu finden. Seine Erfahrung und selbst seine Handschrift sieht man dem Band an. In Format, Ästhetik und Ausgestaltung orientiert sich alles am Vorbild von „Hellboy“. Nur so markant eckig wie Mignolas Zeichenstil ist der von Stenbeck nicht.

Mignolas Erfahrung im Comic-Bereich dessen, was man im englischen Sprachraum „gothic tales“ nennt, geht bis auf „Gotham by Gaslight“ zurück, eine Geschichte aus dem Jahr 1989, die Batman mit Jack the Ripper konfrontierte, angesiedelt im Jahr 1889. Das war überhaupt das erste Mal, dass mir selbst Mignola auffiel, und seitdem habe ich mit wachsender Begeisterung verfolgt, wie er aus seiner Faszination für alternativen Geschichtshorror eine eigenständige Kunstform machte, die so ziemlich alles von dem, was heute als „Steampunk“ gilt, schon vorwegnahm. Auf „Baltimore“ hatte ich mich deshalb sehr gefreut.

Doch hier treibt Mignola seine immer schon präsente Bildbrutalität auf die Spitze, und da sich nicht nur Vampire und deren Jäger bekriegen, sondern auch noch die Inquisition einen Folterknecht ins Feld schickt, der bei seiner Suche nach Baltimore wenig zimperlich mit Menschen umgeht, wird des Bösen manchmal etwas viel getan. Es braucht einen starken Magen, um sich anzusehen, was da in den Jahren 1916 bis 1919 in Europa passiert. Der Weg führt von den Schützengräben der Westfront ins Baltimores heimatliches England und dann wieder auf den Kontinent über Frankreich, die Schweiz, Österreich, Deutschland, Italien bis nach Budapest, ehe sich alles wieder auf die Britischen Inseln  verlagert. Was alle diese Regionen dabei verbindet, ist eine dicke Blutspur.

Interessant ist allerdings, wie hier wieder einmal christliche Motive zu einer vom Ursprungskontext losgelösten Bedeutung finden, ja, die Attribute wie Kreuz, Weihwasser, Hostien zu den schärfsten Waffen gegen die Vampire werden, zugleich aber über die Inquisition ein Kirchenzerrbild ins zwanzigste Jahrhundert hineingeführt wird, das vielleicht das einzig eindeutig Böse in „Baltimore“ repräsentiert. Natürlich gehören die Waffen der Vampirjäger zum Genre, aber Mignola und Golden gehen weit über die üblichen Versatzstücke hinaus. Stephen R. Bissette, dem wir eines der vier über den Band verteilten Vorworten von begeisterten Lesern verdanken, erkennt den Grundzug, aber nicht das Phänomen.

Faszinierend auch, wie in „Baltimore“ implizit auf den zeitlich später angesiedelten „Hellboy“ hingearbeitet wird. Subkutan wird nämlich auch das Entstehen den NS-Ideologie dem Bösen der Jahre 1916 bis 1919 zugeschrieben. Einmal wird ein österreichischer Zauberer bekämpft, der sich eine Armee willenloser Sklaven schaffen will. Das Zeichen seiner Macht ist das Hakenkreuz, das sich auch in den Standarten findet, die er sich für die eigene Zukunft vorstellt. Interessanterweise zeigt eine im Bonusmaterial zu Baltimore“ abgedruckte Manuskriptseite von Mike Mignola, dass er die adlergekrönten Eichenkränze dieser Standarten eigentlich leer lassen wollte, im Comic jedoch finden sich dann doch Hakenkreuze darin, in der deutschen Fassung wieder zu jenen durchkreuzten Quadraten ergänzten Symbolen umgearbeitet, die für die hierzulande übersetzten Ausgaben von „Hellboy“ typisch sind, weil man in Deutschland die Swastika nicht zeigen darf – selbst dann nicht, wenn sie wie hier das ultimativ Böse verkörpert.

Es steckt also doch einiges drin in diesem schön gedruckten Band. Aber wie gesagt: Der fehlende Humor schmerzt. Nicht einmal die grausamsten EC-Comics der frühen fünfziger Jahre haben ihre Protagonisten so eiskalt metzeln lassen, und wenn es mal Sidekicks für Lord Baltimore gibt, dann verschwinden sie nach einem Heftzyklus rasch wieder aus dem Geschehen oder werden später gern zu Opfern all der Gewalt, die diese gnadenlose Jagd nach sich zieht.

Also: fünfzig Euro für eine nachtschwarze Geschichte? Wer nicht nur über ein gewisses finanzielles Vermögen verfügt, sondern auch über das sinnliche Vermögen, Augen und Vorstellungskraft ruhigzustellen, der kommt hier auf seine Kosten, wenn er wiederum im Gegenzug die Fülle an literarischen Anspielungen zu schätzen weiß. Wen das nicht interessiert oder wer sich zu den eher zartbesaiteten Lesern zählt, der spare sich das Geld. Oder investiere es in „Hellboy“, wenn man sehen will, was für ein singulärer Comicschaffender Mike Mignola ist.