Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Spanien, aber was liegt mir daran

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Der Graphc-Novel-Boom in Deutschland ermöglicht mittlerweile Wagnisse, die vor wenigen Jahren noch niemand eingegangen wäre.  Vierhundertseitige Erzählungen  über die spanische Gegenwart etwa, gezeichnet von einem hierzulande völlig unbekannten Autor und für immerhin 25 Euro angeboten. Sobald man den Band aufschlägt, ist man allerdings auf vertrautem Gelände: Es sieht alles sehr nach Jason Lutes und David Mazzucchelli aus, also zwei amerikanischen Comicgrößen, die schon Graphic Novels zeichneten, als der Begriff noch nicht Mode war. Der Zeitlosigkeit ihrer Arbeiten „Berlin“ sowie „Stadt aus Glas“) ist das durchaus gut bekommen.

Der unbekannte Autor ist, wenig überraschend angesichts des Sujets, Spnier und publiziert unter dem Künstlernamen Nadar. Das kann man dreist oder respektvoll nennen, je nachdem, wie man die Rolle des berühmten Nadar, des französischen Fotografen (1820 bis 1910), der auch als Zeichner aktiv war, einschätzt. Aber ob Hommage oder Namensdiebstahl – das was der 1985 geborene Pep Domingo hier erzählt, hat mit dem historischen Nadar nur insofern inhaltlich etwas zu tun, als auch dessen Fotografien sich für alle Aspekte des Alltagslebens interessierten.

Das jedenfalls ist die Stärke des dicken Bandes „Wie zerknülltes Papier“ vom spanischen Nadar. Mehrere Generationen von Protagonisten agieren da, womit es auch sehr unterschiedliche Lebensentwürfe und Weltwahrnehmungen gibt. Obwohl allen Hauptfiguren eines gemeinsam ist: Sie sind in gewissem Sinne Aussteiger. Manche wollen ihr altes Haus nicht verlassen, obwohl ringsherum alles abgerissen wird, manche haben ihre Familien aufgegeben, andere ihre exotischen Karrieren gegen stinknormale Brotberufe eingetauscht, und wieder jemand anderer verdient sich ein Zubrot als Kleinkrimineller.

Wenn ich hier nicht konkreter werde, liegt das daran, dass „Wie zerknülltes Papier“ wohl rasch zu dem würde, was der Titel benennt, wenn man vorher allzu viel über die Handlung verraten würde (übrigens ist das Titelbild schon ein unangenehmer Spoiler). Denn gesetzt den Fall, Nadar erzählte seine Geschichte brav chronologisch, dann entfiele der Reiz des Zusammenpuzzeln der einzelnen Elemente, das dem Leser abverlangt wird.  Und es bliebe etwas ziemlich Banales. Aber dadurch, dass man erst im Laufe fortschreitender Lektüre erkennt, wer hier wer ist und vor allem, wie alle die Einzelschicksale zusammenhängen,  bekommt die Sache Spannung.

Jedoch auch wieder nicht genug, um den Band loben zu können. Nicht nur die schwarzweiße Graphik (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/wie_zerknuelltes_papier) ist geradezu traditionell, die erzählerische Struktur des Ganzen ist es letztlich aus, denn das Zusammenfügen von narrativen  Fragmenten ist keine neue Entdeckung mehr. Und Nadar ist auch kein virtuoser Zeichner, sondern ähnlich wie Jason Lutes (aber ganz unähnlich zu David Mazzucchelli) ein „Techniker“, dem an intelligenten Panelarrangements und Seitenarchitekturen viel mehr liegt als an lebendigen Darstellungen seines Personals. Entsprechend schlecht kann man die Figuren bisweilen auseinanderhalten, und entsprechend statisch sieht das Ganze aus.

Der Band ist 2013 in Spanien erschienen, aber das taugt nicht als Erklärung dafür, warum die gesellschaftliche Wirklichkeit der jüngeren Krisenjahre darin so gut wie keine Rolle spielt. Nadar blendet alles aus, was nicht dem Fortgang seiner komplexen Handlung dient, die viel umfasst, aber eben doch wie ein Laborexperiment wirkt, bei dem bisweilen eben noch ein paar besonders drastische Bedingungen geschaffen werden müssen. So sind die beiden Verbrechen, die „Wie zerknülltes Papier“ vorkommen, denkbar schlicht motiviert – wenn man davon überhaupt reden will. Es ist schon erstaunlich, für wie wenig  die 400 Seiten gut sind, wenn es um Charakterisierungen von Nebenfiguren geht.

Warum wird so etwas ins Deutsche übersetzt? Einmal, weil Hannes Ulrich, der immer neugierige Verleger von Avant, auch ein Faible für spanische Comics hat. Und dann weil leider das Missverständnis eingetreten ist, Graphic Novels verkauften sich dann besonders gut, wenn sie nur schön dick sind und  an bereits etablierte Stile anknüpfen. Beides muss kein Nachteil sein, aber ein Erfolgsgarant ist dieses Rezept ganz sicher auch nicht. Wer sich für Nadars Buch begeistern soll, das ist mir einigermaßen schleierhaft.

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1 Lesermeinung

  1. Weshalb diese durchweg negative Kritik?
    Hallo, Herr Platthaus,

    ich lese normalerweise Ihre Rezensionen kommentarlos, aber dieser Artikel hat mich zu einer Reaktion gezwungen, weil er meiner Meinung nach sehr ungerecht gegenüber Autor, Werk und Verlag ist. Ich nehme vorweg, dass ich das Werk bestens kenne, weil ich es übersetzt habe. Für befangen halte ich mich dennoch nicht, da ich Freiberufler bin und weder dem Autor noch dem Verlag etwas schulde, wohl aber dem Werk, das in Spanien sowohl von Lesern als auch Kritikern und anderen Comicautoren als eines der besten Erstlingswerke der letzten Jahre in höchsten Tönen gepriesen wurde und dank eines Stipendiums in der Maison des Auteurs in Angoulême entstanden ist. Das bedeutet, dass der junge Autor und sein Projekt in Spanien und Frankreich reichlich Anerkennung erhalten haben. In die Bewertung eines Werks mit einfließen zu lassen, dass einem das Pseudonym des Autors missfällt (es ist tatsächlich eine Hommage an den Fotografen!) und dass der Autor mit dem Werk das Rad nicht neu erfindet, ist nicht gerade sachbezogen. Auch der Hinweis, dass „die gesellschaftliche Wirklichkeit der jüngeren Krisenjahre keine Rolle spielt“ tut eigentlich nichts zur Sache, denn warum sollten spanische Autoren nur über die Krise schreiben? (Das hat Nadar übrigens nun doch mit seinem aktuellen Werk nachgeholt, das soeben in Spanien erschienen ist und ebenfalls gute Kritiken erhält.) Sie empfinden das Titelbild als unangenehmen Spoiler? Das könnte man eher von Ihrem Verweis auf die „beiden Verbrechen, die in ‚Wie zerknülltes Papier‘ vorkommen“ behaupten, den potenzielle Leser sicher nicht in einer solchen Besprechung erwarten. Aber Sie wollen sicher auch keine potenziellen Leser mit Ihrem Artikel erreichen, denn der letzte Absatz lässt keine Zweifel daran, dass Sie jeden auch nur halbwegs interessierten Leser die Lust an diesem Werk nehmen wollen: Sie halten es für zu dick (sind viele Seiten automatisch schlecht?), zu traditionell (wie viele Autoren verwenden die Ligne claire und sind dennoch originell?) und die Übersetzung und Veröffentlichung in Deutschland für wenig mehr als eine Schnapsidee von J. Ulrich. Liegen also die spanischen Medien, Kritiker und Leser mit ihrem Lob für Nadars Werk vollkommen daneben? Sie alle haben sich nämlich enorm dafür begeistert.

    Gruß von einem Übersetzerkollegen
    André Höchemer

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