Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Weltraum-Tour-de-farce

Craig Thompson ist ein Weltstar des Comics, seit er 2003 seine autobiographische Geschichte „Blankets“ veröffentlichte. Das war ein auf vielen hundert Seiten ausgebreitetes Exerzitium in Einfallsreichtum: Den originellen Bildfindungen und organischen Verschmelzungen von Bildern sah man einen sprühenden Geist an, der die eigene gegen den Widerstand der christlich-fundamentalistischen Eltern gewonnene Freiheit – davon nämlich wird erzählt – zu nutzen versteht. Selten haben Form und Inhalt eines Comics so zu Übereinstimmung gefunden wie im Falle von „Blankets“.

Dann kamen acht Jahre Pause mit allerdings einer Unterbrechung: einem gezeichneten Tagebuch, das Thompson auf einer Reise durch Nordafrika und Europa geführt hatte. Es hätte nach der Vorstellung des Zeichners beim französischen Verlag L’Association erschienen sollen, dessen Bücher er bewunderte, doch das Verlegerkollektiv lehnte die Publikation als zu epigonal ab. Mir schien das damals einerseits konsequent, denn das, was Thompson in seinem „Tagebuch einer Reise“ machte, hatten tatsächlich die Association-Autoren längst vorgemacht, andererseits aber auch arrogant, denn immerhin gaben sie dem Shooting-Star des amerikanischen Independent-Comics einen Korb. Doch die versierten Franzosen erkannten, was ich, geblendet durch „Blankets“,  noch übersehen hatte: Thompsons versöhnlerisches Erzählpathos, das sich im Tagebuch schon zu einer Masche entwickelte, die dann 2011 im weltweit publizierten „Habibi“ (auf Deutsch bekam Reprodukt den Zuschlag) seine traurige Fortsetzung fand.

Dieser gegenüber „Blankets“ noch voluminösere Band erzählte eine phantastische Abenteuergeschichte aus dem muslimischen Kulturkreis, die vom unbedingten Willen getragen war, den Lesern die Schönheit und Menschlichkeit dieser Kultur deutlich zu machen. Die Bilder waren aufwendig und prachtvoll, der Inhalt aber klischeesüchtig und banal. Thompson schien sich verrannt zu haben, zumal eben das, was er nach eigener Darstellung so mühsam seinem Elternhaus abgetrotzt hatte – das von religiösen Verboten unabhängige Denken – hier zugunsten einer verständnisseligen Darstellung des Islams geopfert wurde. Plötzlich erkannte man in Thompsons Comics just jene intellektuellen Muster wieder, gegen die er mit  „Blankets“ doch angetreten war.

Nun ist etwas auf den ersten Blick ganz anderes von ihm erschienen, wieder bei Reprodukt: ein Kindercomic mit dem schönen Titel „Weltraumkrümel“ (im gleichzeitig erschienenen amerikanischen Original „Space Dumplins“). Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, die mit ihren Eltern in einer Art Wohnrakete am Rande der besiedelten Galaxis lebt; der Vater verrichtet eine Art Recycling-Dienst (anders gesagt: er ist Müllmann), die Mutter ist als Schneiderin in einer großen heruntergekommenen Textilfabrik tätig. Man könnte sagen: eine White-Trash-Familie wie aus dem Bilderbuch oder das in die Zukunft fortgeschriebene Prinzip einer Dritte-Welt-Gesellschaft mit all den Exzessen an Ausbeutung und Wohlstandsunterschieden, wie wir sie kennen.

Das ist interessant, und zudem nimmt Thompson für seine Figuren den ungebärdigen Funny-Stil seines Debütcomics „Good-bye, Chunkie Rice“ von 1999 wieder auf. Vor allem die sidekicks der kleinen Violet, ein etwa gleichalter Junge in Hühnchengestalt und der freche Schrottplatz-Gehilfe Zacchäus, sind wie aus dem Frühwerk übernommen. Dadurch bekommt „Weltraumkrümel“ den Anschein einer Verjüngungskur – nicht nur betreffs des Zielpublikums, sondern auch seiner Graphik wegen. Und erstmals erscheint auch ein Craig-Thompson-Comic in Farbe, was sich allerdings der Mitwirkung des erfahrenen Koloristen David Stewart verdankt, der mit geradezu psychedelischer Palette an die Arbeit gegangen ist, um der rasanten Handlung des Bandes zu entsprechen. Ansehen kann man sich das unter http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/weltraumkrumel/.

Die Handlung auch nur anzudeuten würde angesichts des Umfangs von mehr als dreihundert Seiten voller Action und Verwicklungen vergebliche Liebesmühe bedeuten. Nur so viel: Violet muss sich mit ihren beiden Gefährten auf die Suche nach dem verschollenen Vater machen; ein  bisschen lassen da motivisch die „Kinder des Kapitän Grant“ von Jules Verne grüßen, aber was daraus wird, ist zwar ein ähnliches Verwirrspiel, doch zugleich ein gigantischer Spaß. Was nicht zuletzt an der Sorgfalt liegt, mit der Thompson seine Weltraumwelt ausgestaltet hat. Die überbordende Detailfülle seiner oft wieder ineinander greifenden oder komplex verschachtelten Panels ist stets motiviert, und es macht einen Heidenspaß, sich von den Eigenschaften seiner phantastischen Weltraumfahrzeuge oder -siedlungen immer wieder neu überraschen zu lassen, obwohl die dann scheinbar spontan hervorgezauberten technischen Einrichtungen schon Dutzende von Seiten zuvor graphisch angedeutet wurden. Hier ist ein extrem kluger Zeichner am Werk, der in seiner Phantasiewelt stets die Kontrolle behält.

Was aber auch auffällt, ist eine Fülle dezidierter biblischer Anspielungen, die das Geschehen durchdringen und wie im Religionsunterricht immer neue Erklärungsmuster bieten. Offenbar kann sich Craig Thompson nicht von seinen Kindheitserfahrungen im amerikanischen bible belt lösen, und mittlerweile regt sich bei mir Mitleid für diese gebeutelte Seele, die zwanghaft das, was ihr damals eingetrichtert wurde, wieder hervorkramt, um daraus ihre Geschichten zu basteln. Dabei bietet Thompsons visuelle Vorstellungskraft ein Feuerwerk an  optischen Gags bis zum Höhepunkt eines in der Müllstraße (tolles Wortspiel, das der Übersetzer Matthias Wieland da gefunden hat) herumwirbelnden Barbarella-Kalenders, dem man ablesen kann, wo der Amerikaner seine Inspiration für diese Weltraum-Tour-de-farce gefunden hat. Als großes Entdeckungsspiel taugt „Weltraumkrümel“ allemal, sobald man aber anfängt, hinter die Kulissen der Story zu blicken, sollte man sich lieber wieder abwenden. Da wird gepredigt, wo wir lieber weiter lachen wollen.

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